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ehrliche finder : Flüchtling als nächtlicher Glücksbote

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Eine Auszubildende verliert ihre Geldbörse mit 500 Euro und Papieren. Ein Syrer und ein Palästinenser bringen das Portemonnaie noch in derselben Nacht mit dem Fahrrad zur Besitzerin.

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2015 | 04:07 Uhr

Nachts mit einem Fahrrad auf unbeleuchteten Wegen stundenlang dort unterwegs zu sein, wo sich Hase und Fuchs Gute Nacht sagen, ist schon für Schwansener keine große Verlockung. Mohamad Abu Miri und Hussin zögerten an diesem Abend nicht. Einziges Hilfsmittel zur Orientierung ist für den 25-Jährigen, der vor drei Jahren aus Gaza-Stadt geflüchtet ist, und seinen 28-jährigen Freund aus Syrien das Handy, ausgestattet mit GPS. Grund ihrer nächtlichen Unternehmung ist eine Geldbörse, die Hussin in Eckernförde am späten Nachmittag am Bahnhof gefunden hat. Er ist an diesem Tag auf dem Weg von Kiel nach Vogelsang-Grünholz , wo seine Familie untergebracht ist. Die Geldbörse enthält neben 500 Euro wichtige Papiere, wie Ausweis, Scheckkarte und Krankenkassenkarte. Die beiden Freunde entdecken den Ausweis, finden die Adresse. Für Mohamad ist klar, dass sie sich noch am selben Abend auf den Weg machen müssen, um der Besitzerin die Geldbörse zu bringen. „Ich dachte nur: Das Mädchen hat sonst keine ruhige Nacht – bei so viel Geld“, erzählt Mohamad.

Die beiden Freunde starten in Vogelsang-Grünholz, wo Mohamad wohnt – ohne wirkliche Ortskenntnisse zu besitzen. Über kleinste Straßen finden sie schließlich gegen 22.30 Uhr den Biolandhof Großholz und klopfen bei dem Haus, aus dessen Fenster noch Licht scheint. Miriam Boll ist zunächst skeptisch, als ihr um diese Uhrzeit zwei fremdländische Männer gegenüber stehen und versteht ihr Anliegen nicht sofort. Aber als Hussin den gefundenen Ausweis zückt und sie den Namen einer der Auszubildenden auf dem Hof liest, zögert die 39-Jährige keine Sekunde und ruft diese an.

Jasmin Shehata packt zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Reisetasche. Soll es doch am nächsten Tag ins Wochenende auf ein Musikfestival nach Herzberg gehen. Die entsprechende Eintrittskarte glaubt sie sicher verwahrt in ihrer Geldbörse zu wissen – den Verlust ihres Portemonnaies hat die 20-Jährige bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bemerkt. Umso größer ist ihre Überraschung über den nächtlichen Anruf.

Als Hussin und Mohamad ihr die Geldbörse samt Inhalt übergeben, ist Jasmin mehr als sprachlos: „Ich war so aufgeregt, ich war so überwältigt. Eigentlich wollte ich sie gleich einladen, aber ich konnte gar nichts sagen“, erinnert sich die junge Frau, die seit März auf dem Biolandhof eine Ausbildung im Garten- und Gemüsebau macht. Im Portemonnaie habe sich ihr gesamter Monatslohn befunden, den sie just an dem Tag von der Bank abgeholt habe, sagt sie.

Mohamad kennt aus eigener Erfahrung den Verlust wichtiger Papiere und die daraus resultierenden Probleme. Aus diesem Grund habe er an jenem Abend die Entscheidung getroffen, die Geldbörse der jungen Frau sofort zu bringen, erzählt der Student der Medien- und Informatikwissenschaft aus der Hauptstadt des Palästinensischen Autonomiegebiets, über das seit Jahren die Hamas herrscht. Auf seiner Flucht von Libyen nach Italien hat er nahezu alles verloren, was er bei sich hatte – bis auf den Pass und sein Nothandy, die sich in der Hosentasche befanden.

Sie seien mit rund 70 Personen im Schlauchboot unterwegs gewesen, erinnert sich der junge Mann. Wasser sei ins Boot eingedrungen. Überflüssiges, wie Gepäck sei über Bord geworfen worden, um das Boot zu halten – darunter auch seine Tasche mit sämtlichen Zeugnissen, Studien- und Praktikanachweisen, Scheckkarten sowie seinen gesamten Ersparnissen.

Wibke Starck vom Willkommenskreis Damp ist Mohamads Ansprechpartnerin. Bei der zweiten Begegnung von Jasmin Shehata und Mohamad stellt sich heraus, dass die junge Frau Halbägypterin ist und recht gut die arabische Sprache spricht – ein Glücksfall für den Willkommenskreis. Denn Jasmin erklärt sich spontan bereit, den Willkommenskreis als Dolmetscherin im Notfall zu unterstützen.

Seit 15 Monaten lebt Mohamad in Vogelsang-Grünholz, seit einem Dreivierteljahr lernt er zweimal in der Woche Deutsch. Alle drei Monate muss er sich bei der Ausländerbehörde melden. Im Gazastreifen hat er als Fotograf und Radioreporter gearbeitet. In Algerien, eine Station seiner Flucht, war er als Maurer, Maler und Schweißer tätig. Mohamad möchte sich noch stärker als bisher integrieren – eine feste Arbeit ist für ihn deshalb wichtig.

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