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Flucht : Flucht hat viele Gesichter – Schicksale machen betroffen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Helferkreis Waabs und Kirchengemeinde haben Flüchtlings-Gottesdienst in der Marienkirche organisiert

Waabs | Das Thema Flucht hat viele Gesichter. Dies erlebten die Besucher des Gottesdienst am Sonntagabend in der Marienkirche, den Pastorin Peggy Kersten und ein Helferteam zum Thema Flucht gestalteten. „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“, mit den Worten aus dem Matthäus-Evangelium wurde die Gemeinde begrüßt. Man spürte sofort die besondere Stimmung, die Herzlichkeit und die Anteilnahme an den Schicksalen der Gäste.

Dem Helferteam mit Christel Hartmann, Silke Bockhold, Barbara Plöser, Sabine Grotrian, Heinke Nöhren-Goos und Helmut Böcker sind im Waabser Helferkreis für Flüchtlinge schon viele Schicksale begegnet. Dort wurde auch die Idee geboren, das Schicksal der Flüchtlinge, die durch und nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren hatten, zu integrieren.

Still wurde es, als Hilde Juhl (78) an ihre Flucht in letzter Minute aus Königsberg im Januar 1945 erinnerte. Mit Mutter und drei Brüdern flohen sie vor den russischen Truppen nach Danzig. Dort wollten sie mit der „Gustloff“ in den Westen. Die Verzweiflung war groß, als es keine Fahrkarten mehr für das Schiff gab. Die „Hölle“ war dann die Fahrt mit einem lettischen Frachter, zehn Tage auf rauer See, kaum Essen und Trinken. Hilde Juhl: „Aber uns ging es dennoch gut, im Vergleich mit den Flüchtlingen, die heute zu uns kommen. Wir sind in ein Land mit der gleichen Mentalität und Sprache geflohen, uns konnte man auch nicht zurückschicken. Wir sollten bedenken, dass allein Schleswig-Holstein damals über eine Million Flüchtlinge aufnahm“, sagte sie.

Organistin Elke Grote (74) stammt aus der DDR. Die siebenköpfige Familie lebte sehr christlich und wurde bespitzelt. Aus diesem Grund zog die Familie alle drei Jahre in eine andere Stadt. 1957 wurden die Fluchtpläne konkret. Mit nur einem Koffer pro Familienmitglied floh zunächst der Vater mit zwei Kindern im Zug vom Harz, über Ostberlin nach Westberlin, die Mutter folgte Stunden später mit einer Tochter. Die anderen beiden Kinder kamen zur Großmutter nach Leipzig. Elke, damals 14 Jahre alt, fuhr den Weg noch einmal und holte die beiden Geschwister ab. „Die Angst, unterwegs noch abgefangen zu werden, ist nicht zu beschreiben“, berichtete sie. Grote ist dankbar, heute in Frieden zu leben. „In wenigen Worten zusammenzufassen, was eine Flucht bedeutet, ist kaum machbar. Es gibt so viel zu erzählen.“

Betroffenheit und Mitgefühl machten sich breit, als A. K. (26), A. (27), K. (28) und A. (26) ihre Schicksale erzählten. Sie alle haben Familie zurückgelassen, wissen nicht, ob sie sich jemals wiedersehen und haben die Flucht traumatisch erlebt. Aus Angst und zum Schutz der Asylsuchenden werden ihre Schicksale anonym geschildert. Der eine hat Wirtschaftspolitik studiert. Es gab keine Perspektive, nur die Angst für Assad Soldat zu werden. Auf der Flucht wurde geschlagen und er war desorientiert. Ein weiterer war Taxifahrer, hat in seiner Heimat seine Frau und zwei kleiner Kinder (7 und 5 Jahre) zurückgelassen. Er sollte unter Zwang für eine Terrorgruppe Waffen transportieren, konnte fliehen. Seine Flucht ist eine Odyssee. Über Äthiopien, Sudan, Libyien ging es mit dem Schiff nach Sizilien. Das Schiff geriet in Seenot und kenterte. Er war einer der wenigen Überlebenden. Er versuchte eine weitere Überfahrt und erreichte Sizilien. In seiner Heimat wäre er vor Verfolgung nicht sicher und müsste um sein Leben bangen. Der Dritte floh aus seiner Heimat, um nicht als Soldat zu dienen. Er verließ Eltern und Geschwister, floh zu Fuß aus Syrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien und die Balkanroute, bevor er in Ungarn gefesselt und ins Gefängnis kam. Nach seiner Freilassung floh er über Österreich nach Deutschland. Der Vierte floh mit seiner Frau aus dem Irak, seine Familie stand auf der Todesliste, sein Vater wurde getötet. Vor seiner Flucht versuchte man ihn zu überfahren, es wurde auf ihn geschossen. Er arbeitete im öffentlichen Dienst, seine Flucht gilt als Desertion.

Orgelmusik, gespielt von Elke Grote, begleitete die Besucher nach diesen Berichten in ihren Gedanken. Pastorin Kersten fand die richtigen Worte: „Ob Gott oder Allah, Gott der keine Grenzen kennt, segne unseren Gottesdienst.“ Im Anschluss gab es beim Imbiss Spezialitäten aus den verschiedenen Ländern und Zeit zum Dialog. Freundlich und offen standen die jungen Männer im Kreis mit ehemaligen Flüchtlingen und waren im Gespräch.

Der Helferkreis ist überzeugt, dass diese Art der Integration hilft, Ängste und Vorurteile abzubauen. Die Schicksale könnten nur betroffen machen, sagten sie. Die jungen Männer freuten sich, wenn sie eingebunden würden und helfen könnten. Rudi Stöcks bestätigte dies gerne. „Von diesen Gottesdiensten sollte es viel mehr geben. Sie wecken das Verständnis für die Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen und in unserem Land Schutz suchen“, sagte er.

Von den Flüchtlingen, die zurzeit in Damp untergebracht sind, kommt große Dankbarkeit für die Aufnahme und der Wunsch, in Frieden zu leben, zu arbeiten und eine neue Heimat zu finden.


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erstellt am 01.Mär.2016 | 06:12 Uhr

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