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Eckernförder Zeitung

19. Oktober 2017 | 20:50 Uhr

Flaschenpost – Ostsee ist Postsee

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Lesung in Buchhandlung Liesegang „Flaschenpostgeschichten“ von Oliver Lück / Erstaunliches aus dem Leben von Menschen an der Ostsee

Ein roter Faden spinnt sich kreuz und quer durch die Ostsee – unsichtbar: von Sassnitz auf Rügen nach Nida (Lettland) oder zur kleinen schwedischen Insel Ungskär und nach Lesnoi (Russland), von Kiel nach Nida oder von Svendborg nach Bornholm (Dänemark). Er verbindet Menschen miteinander, die sich nicht persönlich kennen und doch alle eine Vorliebe haben: Sie verschicken Flaschenpost. Oliver Lück (43) aus Henstedt-Ulzburg hat diese Menschen besucht und sich ihre Geschichte erzählen lassen. In dem Buch „Flaschenpostgeschichten“ stellt der freie Journalist und Fotograf Flaschenpostverschicker vor und gibt Einblicke in ihr Leben und die verschiedenen Orte an der Ostsee.

Auf Einladung der Buchhandlung Liesegang präsentierte Lück am Donnerstag seine Flaschenpostgeschichten. Die Lesung, die komplett ausverkauft war, sprach alle Sinne der überwiegend weiblichen Zuhörer an. Fotos von Ostseestränden mit entsprechender musikalischer Untermalung erzeugten eine maritime Atmosphäre. Das Geschrei der Möwen, das aufgrund der offenen Tür von der Straße zu hören war, passte hervorragend. Die Zuhörer lernten Biruta Kerve aus dem lettischen Nida kennen, die in vielen Jahren alles sammelte, was die Ostsee an ihren Strand trieb: jede Menge Treibgut, das sie in ihrem Garten kunstvoll aufstellte, und auch 35 Flaschen, die alle kleine Zettel enthielten.

Per Zufall hat Lück die Witwe 2008 auf seiner großen Europareise kennengelernt. Nie hatte Biruta die Post beantwortet – genau das wollte Lück jetzt machen. Er wollte das Geheimnis der Briefeschreiber lüften. Er telefonierte, schrieb Karten und über 500 Mails. Einige Briefeschreiber erreichte er – andere Verfasser blieben für immer ein Geheimnis. Zwei Jahre fuhr Lück immer wieder in die Ostseeländer, um die Briefeschreiber zu treffen. „Die Recherche nahm ungeahnte Ausmaße an“, so der Autor.

Einer der Flaschenpostfinder ist Arne Nordström auf der kleinen Insel Ungskär im Schärengarten Südschwedens, die nur einen Kilometer lang und 500 Meter breit ist. Er ist der letzte Fischer, verlässt die Insel nur selten, hat schon mehr als 100 Flaschen mit Post gefunden und sieht aus wie Bud Spencer – ein Original. „Ich bin ein Fan von Arne“, verrät Lück während der Lesung. Sein Publikum anscheinend auch. Denn eine Zuhörerin hat für Arne eine neue Mütze gestrickt. Dieser hat sein Markenzeichen, das er nie absetzte, verloren. Rote Wollsocken für den Winter gab’s obendrein.

Bekannt wurde Oliver Lück durch seinen erfundenen Flaschenpostautomaten – sogar das Fernsehen berichtete über ihn. Er baute einen ausgedienten Kaltgetränkeautomaten um, besorgte Flaschen, Papier und Stift und stellte das Starterpaket an verschiedenen Stränden auf. Er wollte wissen, ob die Flaschenpost in Zeiten der schnellen Kommunikationswege auch heute noch zeitgemäß ist. Für 2  x  1 Euro konnten die Strandbesucher sich ihre Flaschenpost ziehen. „Es gab Leute, die den Automaten anstarrten, als wäre er eine aus einer anderen Welt vom Himmel gefallene, gespenstische Geschichte“, so der Autor. Seinen Flaschenpostautomaten möchte Lück auch noch an weiteren Stränden aufstellen. Vielleicht auch demnächst einmal in Eckernförde?

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Oliver Lück: Flaschenpostgeschichten. Von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee. Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg, 9,99 Euro

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