Etappen einer Theater-„Karriere“

Die 12-jährige Inge  (hinten Mitte) beim Krippenspiel in der Volksschule. Es sollte ein denkwürdiges werden.
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Die 12-jährige Inge (hinten Mitte) beim Krippenspiel in der Volksschule. Es sollte ein denkwürdiges werden.

Inge Kile schlüpfte schon als Kind in herausfordernde Rollen: Forsches Spiel sorgte für stürmisches Gelächter und Lob in der Presse

shz.de von
16. Januar 2018, 13:02 Uhr

In meiner Familie galt ich als humorlos. Was ich auch jahrelang glaubte. Obwohl es schon in frühester Zeit Beweise dafür gab, dass dem nicht so war. Doch diese Beweise sah ich damals noch nicht.

Ich war 12, als ich im Krippenspiel der Volksschule den dritten von vier Hirten spielen durfte (von den drei stehenden Hirten auf dem Foto bin ich die in der Mitte). Den Boden hatte man mit Heu belegt, darüber lag ein Schaffell. Mein Text bestand nur aus wenigen Worten. Ich sollte aus tiefem Schlaf erwachen und mit feierlichen, getragenen Worten „wacht auf, wacht auf, es taget schon …“ die anderen Hirten wecken. Doch beim Auf-stehen rutschte ich auf dem Schaffell aus, fiel über die anderen und so wurde aus getragenen und feierlichen Worten Geschrei und Geschimpfe: „Aua, aua …“, „Mann, das tut weh …“ und „du dumme Kuh, steh endlich auf…!“

Lautes Gelächter der zuschauenden Kinder und eine Bitterleichenmiene seitens meiner Lehrerin zeigten sehr deutlich, dass dieses Krippenspiel alles war, nur nicht feierlich. Das Jahr darauf bekam ich keine Rolle mehr im Krippenspiel.

Mit 20 trat ich in die Laienspielschar unseres Dorfes ein. Die jedes Jahr am 1., 2. und 3. Advent ein Theaterstück aufführte. Meine erste Rolle war die einer 67-jährigen Jägersfrau (auf dem Foto ganz links), deren Mann irrtümlich auf der Jagd erschossen wurde. Es ist eine Sache, sich als 20-Jährige in die Rolle einer 65-Jährigen zu vertiefen, eine andere, mit Ernst und echten Tränen diese Rolle auszufüllen. Ich übte wie eine Besessene und schaffte es, eine in Trauer erstarrte Frau zu zeigen, ja, ich weinte sogar echte Tränen. Doch das Publikum lachte, wollte gar nicht mehr aufhören.

Ich fühlte, wie sie in mir stieg, die Wut. Und ohne groß nachzudenken, trat ich an den Rand der Bühne und sagte zittrig, aber laut und deutlich: „Wieso lacht Ihr? Schließlich hat man meinen Mann erschissen …“ – die Vorstellung musste für 10 Minuten unterbrochen werden.

Ich hatte, ohne es zu wollen, aus dem Drama ein Lustspiel gemacht. Ich schwor mir „nie wieder Bühne, nie wieder!“ Und gehörte im Jahr darauf wieder zum Ensemble.

Dieses Mal sollte ich eine exaltierte, etwas tüddelige Amerikanerin spielen, die zudem Probleme mit der deutschen Sprache hatte. Genau mein Ding! Die Proben liefen bestens, doch vor der ersten Aufführung war mein Lampenfieber so groß, dass ich mehrmals die Toilette beglückte. Als ich wieder mal leichenblass und zittrig von der Toilette kam, bekam ich vom Spielleiter einen Jägermeister – „trink, das hilft.“ Vorsichtshalber trank ich gleich noch zwei und betrat völlig entspannt, aber ziemlich beschwipst die Bühne.

Die ersten Szenen saßen, dann vergaß ich meinen Text. Und improvisierte, was das Zeug hielt. Meine Schauspielkollegen waren völlig irritiert, doch irgendwie lavierten sie sich durch (hinter der Bühne aber gab es später viel, viel Schimpfe!). Selbst der Kuss, den ich meinem Partner geben musste, fiel – im Gegensatz zu den vorherigen Proben – mehr als gut, ja, ausgedehnt aus. So ausgedehnt, dass mein Partner rot und mein Mann wütend wurde. Die beiden nächsten Aufführungen gingen normal über die Bühne. Das Publikum war begeistert, in der Presse stand, ich sei hervorragend gewesen und die Lustigste der Laienspielschar. Als meine Mutter nach der Aufführung sagte, in der ersten sei ich aber viel, viel besser gewesen, dachte ich: „Ja, Mama, da war ich ja auch besoffen!“

Humorlos wurde ich von meiner Familie nie wieder genannt. Dafür allein haben sich die Jägermeister doch schon gelohnt! Den ich bis heute nicht mal riechen kann, ohne, dass mir übel wird.

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