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Eckernförder Zeitung

23. Oktober 2017 | 03:35 Uhr

Demenz : „Es sind selbstbestimmte Menschen“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Was ist Demenz? Und wie gehe ich mit an Demenz erkrankten Menschen um? Anworten gibt ein Interview mit der Einrichtungsleiterin und dem stellvertretenden Pflegedienstleiter des Seniorenhauses der imland-Klinik.

shz.de von
erstellt am 10.Feb.2015 | 06:36 Uhr

In Deutschland leben rund 1,5 Millionen Demenzkranke – zwei Drittel sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Jahr für Jahr treten mehr als 300  000 Neuerkrankungen auf. In Schleswig-Holstein waren 2014 laut Berechnungen der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft 53  533 Menschen über 65 Jahre von Demenz betroffen, davon 66 Prozent Frauen. 2003 waren es noch 36304 Demenzkranke.4998 Menschen waren 2014 im Kreis Rendsburg-Eckernförde von der Krankheiten betroffen. Im EZ-Interview stehen der stellvertretende Pflegedienstleiter Stephan Koch und Einrichtungsleiterin Jana Koslowski Rede und Antwort.

Was sind die ersten Anzeichen der Demenz?
Stephan Koch: Das ist eine der schwierigsten Fragen. Demenz kann sich in vielen Kleinigkeiten und Prozessen darstellen, die im Alltag nicht mehr normal ablaufen. Es kann aber auch schlagartig gehen, und alle kognitiven Fähigkeiten sind verloren. Wo der eine denkt, dass hat er vielleicht nur nicht so gut umgesetzt, erkennt jemand anderes schon deutliche Anzeichen einer Demenz.
Jana Koslowski: In den meisten Fällen lässt zuerst das Kurzzeitgedächtnis nach – wo habe ich das Portemonnaie hingelegt, habe ich Mittag gegessen, war meine Tochter heute zu Besuch? Das heißt also gerade erlebte Begebenheiten entfallen. Wenn es dann so gravierend auftritt, dass alle kognitiven Fähigkeiten ad hoc eingeschränkt sind, liegt meist noch eine andere Grunderkrankung vor.
Welche Grunderkrankung kann das sein?
Koslowski: Die kann neurologischer oder organischer Natur sein. Wenn zusätzliche Erkrankungen dazukommen, die mit dem Älterwerden einhergehen, kann das dementielle Erscheinungen auslösen. Ältere Menschen trinken zum Beispiel weniger und haben oft einen erhöhten Harndrang. Durch den daraus resultierenden Flüssigkeitsmangel kann die Gedächtnisleistung schwinden.
Wie wird die Demenz diagnostiziert?
Koslowski: Es empfiehlt sich ein enger Kontakt mit dem Hausarzt. Auch Hausärzte machen mittlerweile Demenztests. Beim Mini-Mental-Status-Test werden banale Fragen wie „Welcher Tag ist heute?“ gestellt, oder die Patienten müssen eine bestimmte Uhrzeit in eine Uhr einzeichnen. Wenn das schon nicht mehr problemlos funktioniert, sind das eindeutige Anzeichen für eine Demenz. Erkennt der Hausarzt einen Bedarf, überweist er den Patienten zum Neurologen, um die Diagnose endgültig abzuklären.
Was ist zu tun, wenn die Diagnose Demenz feststeht? Welche Schritte müssen dann eingeleitet werden?
Koch: Die Ansprache der Person sollte sich auch nach der Diagnose nicht verändern. Es bleibt der Ehemann, Vater oder Großvater. Man sollte Betroffenen nicht signalisieren, dass sie in irgendeiner Weise krank sind. Wichtig ist daher der ganz normale Umgang. Es darf nicht vergessen werden, dass es vor allem das Kurzzeitgedächtnis ist, das betroffen ist. Im Langzeitgedächtnis sind nach wie vor viele wertvolle Erinnerungen und Prozesse gespeichert, die der Betroffene problemlos abgerufen kann.
Aber von Erinnerungen von vor 30 Jahren haben Angehörige unter Umständen im Alltag nicht viel, sind es doch vor allem die alltäglichen Abläufe, die Betroffene nicht mehr ausführen können und eine besondere Betreuung im Alltag erfordern.
Koslowski: Doch. Das betrifft auch ganz alltägliche Prozesse – wo steht der Teller bei uns in der Küche? Wie wasche ich mich? Wie schmiere ich das Brot? Es macht keinen Sinn, einem dementiell veränderten Menschen noch ein Umräumen der Wohnung zuzumuten. Er wird sich nicht mehr erinnern können, wo er was findet. Auch Rituale sollten eingehalten werden: Wie ist der Betroffene zu Bett gegangen? Wann ist er aufgestanden? Wie war sein Tagesablauf? Wenn die Demenz weiter fortgeschritten ist, machen viele gute Erfahrungen mit der Beschriftung von Schränken oder Notizen, sodass die Betroffenen an die normalen Tagesabläufe, die sie ihr Leben lang alleine gesteuert haben, erinnert werden. Kleine Erinnerungsstützen, aber keine Belehrungen, denn es sind erwachsene und selbstbestimmte Menschen!
Koch: Was der Betroffene sagt oder tut, sollte immer für voll genommen werden und Fehler nicht ständig korrigiert werden, denn der Betroffenen macht aus seiner Sicht genau das Richtige. Viele reagieren abwehrend, weil sie sich gemaßregelt fühlen. Je nachdem, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist, nehmen sie ihre Fehler mitunter sogar selber wahr, weil sie ab und zu noch lichte Momente haben. Korrekturen und Maßregelungen können dann Unsicherheiten oder Ärger bei den Betroffenen schüren.
Irgendwann ist der Ortswechsel vielleicht unumgänglich und der Umzug in eine Pflegeeinrichtung ist unausweichlich. Wann ist der richtige Zeitpunkt für das Pflegeheim?
Koslowski: Gefühlt wahrscheinlich nie. Viele Angehörige haben ein massives Problem, den Betroffenen in einer Einrichtung versorgen zu lassen, wenn sie feststellen, dass sie dem Druck und der Belastung nicht mehr gewachsen sind.
Koch: Man kann zwei Kategorien von Angehörigen unterscheiden: Die einen erkennen früh, wann professionelle Hilfe erforderlich ist und nehmen diese auch in Anspruch. Was nicht heißen soll, dass ihre emotionale Bindung nicht stark genug ausgeprägt ist. Und es gibt Angehörige, und das ist die zweite Kategorie, bei denen die emotionale Bindung so stark ausgeprägt ist, dass sie sich bis zur eigenen Erschöpfung aufopfern, bis sie professionelle Hilfe für sich selbst benötigen.
Gibt es denn ein entsprechendes Beratungsangebot für Angehörige?
Koslowski: Hier empfehle ich das Beratungsangebot der Alzheimer-Gesellschaft. Es bietet Angehörigen nicht nur Fachinformationen, sondern gibt ihnen auch Rückenstärkung und stellt Kontakte zu anderen Betroffenen her. Den Erfahrungsaustausch untereinander empfehle ich jedem. Es ist wichtig, dass Angehörige das Gefühl haben, mit ihren Problemen nicht alleine dazustehen.
Koch: Es ist ganz wichtig, dass Angehörige nicht denken, dass es ihnen peinlich sein muss. Das ist häufig das Problem, weshalb sie solange warten, ehe sie sich Hilfe holen. Natürlich ist es unangenehm, wenn der Vater oder die Mutter nicht mehr weiß, wo die Toilette ist – gerade wenn das Umfeld das mitbekommt. Aus solchen Begebenheiten sollte jedoch nicht abgeleitet werden, dass über die Krankheit nicht gesprochen werden kann oder bestimmte Situationen in der Öffentlichkeit gemieden werden sollten.
Was können Angehörige tun, um die häusliche Pflege zu erleichtern?
Koslowski: Seit dem 1. Januar 2015 gibt es durch das 1. Pflegestärkungsgesetz die Möglichkeit, sich Hilfe in das Haus zu holen, um den Alltag normal zu gestalten. Tagespflegeeinrichtungen empfehlen sich dann, wenn es absehbar ist, dass Angehörige mit dem fortschreitenden Krankheitsprozess nicht mehr zurechtkommen und eine Betreuung nicht mehr gewährleisten können. Sie ermöglichen sowohl Betroffenen wie auch Angehörigen den Kontakt zu anderen. Zudem bieten sie Betreuungsangebote an, die auf den Grad der Demenz eingehen und versuchen Fähigkeiten, wenn möglich, zu erhalten.
Koch: Die Individualität der Person muss in die Pflege miteinbezogen werden. Die Biographie ist für uns eines der wichtigsten Instrumente, um zu sehen, welche Ressourcen man ausschöpfen kann, welche Interessen der Betroffene früher hatte und heute vielleicht noch hat. Es ist wichtig, den Menschen so anzunehmen, wie er ist ihn dazu zu bringen, langjährige Hobbys weiter zu pflegen. Wenn man das tut, hat man viele Möglichkeiten, Beschäftigungen anzubieten.

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