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Pilger-Freundschaft : Erinnerungen an das Ende der Welt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Acht Deutsche lernen sich beim Pilgern auf dem Jakobsweg kennen und pflegen seitdem eine anhaltende Freundschaft

Léon, Ambasmestas, Santiago de Compostela, Finisterre – wohlklingende Ortsnamen sind zu hören, lebhafte Gespräche und vor allem viel Gelächter. Sie haben gemeinsam einige Kilometer zurück gelegt, sind zusammen ein Stück auf dem Jakobsweg gegangen: Die acht Pilger, die sich 2010 in Léon kennen gelernt hatten. Seitdem treffen sie sich jedes Jahr wieder, lassen Erinnerungen aufleben, und einige schmieden auch Pläne für die nächste Pilgertour. 2012 waren einige von ihnen auf dem portugiesischen Jakobsweg unterwegs. In Hamburg, Bonn und Nordenhamm haben sie sich danach bereits gegenseitig besucht. In diesem Jahr war Marlena Schäfe in Osdorf die Gastgeberin.

Eine überstandene Erkrankung hatte bei ihr den Ausschlag gegeben, die lang gehegten Pläne für den strapaziösen Fußweg in Richtung Santiago de Compostela umzusetzen. Sie habe eine Pilgerreise „Deluxe“ gebucht, das heißt, die Strecke ist vorgegeben, und die Unterkünfte sind gebucht. Das Gepäck wird von Herberge zu Herberge gebracht, darum muss sich der Pilger nicht kümmern. Als Marlena Schäfe 2010 in Léon ankam, lernte sie die Gruppe kennen – die Gruppe, mit der sie die nächsten Tage 300 Kilometer bei Wind und Wetter durch Nordspanien wandern sollte. Stationen wie Rabanal del Camino, das 1162 Meter über dem Meeresspiegel liegt, und durch Ponteferrada und Molinesca führte der oft beschwerliche Weg. Eindrucksvolle Momente gab es in Sarria, einer „pulsierenden Stadt“, und O Cebreiro: „Ein Ort der Kelten, spirituell und unheimlich zugleich“, erinnert sich Marlena Schäfe. Die Tagesetappen waren teilweise über 30 Kilometer lang, tagelang erschwerte starker Regen die Wanderung.

Mit dabei war Karl-Heinz Bohnau (81) aus Gelsenkirchen. „Erst habe ich einen Schreck bekommen. Ich dachte, ich wär der einzige Mann“, sagte er und lachte. Ganz erleichtert sei er gewesen als Dietmar Niggemeier (64) mit seinem Arbeitskollegen zu der Gruppe Damen stieß. Dabei war auch Karl-Heinz in weiblicher Begleitung. Seine Lebensgefährtin Liesel Flockert (76) aus Kirchhellen bei Bottrop hatte schon lange den Wunsch gehegt, den Jakobsweg zu gehen. Bisher war es ihr aus gesundheitlichen Gründen versagt gewesen. Ausgerechnet auf einer Busreise 2007 nach Santiago de Compostela haben ihr auf der Treppe der Kathedrale die Beine versagt. „Das war wie eine Eingebung. Danach habe ich mich operieren lassen“, sagte sie und freute sich, es geschafft zu haben. Für Karl-Heinz und Liesel wurde die Reise noch aus einem anderen Grund eine besondere: Als die Mitpilger erfuhren, dass die beiden nicht verheiratet sind, wurde im Ort Ambasmestas spontan eine Verlobungsfeier organisiert. „Das war wunderschön“, sind sich alle einig. Karl-Heinz hatte seine „Mundorgel“, ein Gesangbuch für Wanderer, dabei. Es wurde gesungen, geredet und viel gelacht. Später am Abend wurde eine benachbarte Gruppe französischer Pilger aufmerksam. „Von da an haben wir im Wechsel mit den Franzosen gesungen“, berichtete Dietmar, „und der Wein floss in Strömen“. Das Frühstück am nächsten Morgen um 8 Uhr fiel dann etwas dürftiger aus, erinnert sich die Gruppe.

Rosi Voßbeck (71) wohnt zwischen Köln und Bonn. Schon 2008 war sie auf Pilgerwanderung gewesen. Ihr Mann Burkhard (75) freute sich bereits zweimal, wenn sie ausgeglichen und gut gelaunt zurück kam. 2012 ist er dann selbst zu der Gruppe gestoßen, wanderte von Porto nach Santiago und war gleichermaßen begeistert von der Reise, den Erlebnissen und den Menschen.

Wenn Ina Göllner (71) aus Hamburg an die Tour denkt, fällt ihr dazu ein, wie alles begann. Wie das Christentum von Israel aus seinen Weg nach Europa fand. Eine Suche nach dem Christentum – das war die Wanderung für sie. „Ich glaube, jeder sucht danach auf seine eigene Art und Weise“, sagte sie, und die fröhliche Runde wurde ganz still. „Einerseits ist hier jeder für sich, aber man ist doch auch in einer großen und besonderen Gemeinschaft“, erinnerte Ina sich und berichtete davon, als alle Pilger sich am Ende der Tour zur feierlichen Messe in der Kathedrale von Santiago de Compostela eingefunden haben. „Erinnert ihr euch an die Nonne und den Engelsgesang?“ fragte sie, und fast alle waren bei dem Gedanken ergriffen. „Ich hatte Tränen in den Augen und eine Gänsehaut“, sagte Sylvia Naß aus Nordenhamm. Diese Messe habe sie sehr beeindruckt: „Die Stimmung und so viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten beieinander.“

Auch vom Kap Finisterre berichtet Ina. Der Ort, dessen Name „Ende der Welt“ bedeutet, liegt noch einmal knapp 90 Kilometer westlich von Santiago. Hier verbrennen die Pilger traditionell ihre verschlissene Pilgerkleidung, baden im Atlantik, um sich den Staub des Weges abzuwaschen, und auf den Sonnenauf- und -untergang zu warten. Daran erinnern sich alle als einen besonderen Moment ihrer Reise. „So sind wir durch die wunderschöne galizische Landschaft gewandert“, fasst Karl-Heinz zusammen. Alle gemeinsam und doch ganz individuell, jeder in seinem Tempo. „Du hast deinen Weg und ich hab meinen, das haben wir alle gespürt“, so der Gelsenkirchener.

Nach dem Kaffeetrinken in Osdorf und dem Abendessen mit Blick auf die Kieler Förde war eines beschlossen: „Wir wollen uns auch im nächsten Jahr wieder sehen“, versicherte die Gastgeberin.

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erstellt am 23.Okt.2014 | 07:47 Uhr

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