Zeitzeugen : Erinnern an Tschernobyl

Wladimir Sednjow und Dolmetscherin Maria Shedik.
Wladimir Sednjow und Dolmetscherin Maria Shedik.

Wladimir Sednjow berichtet Schülern von Reaktorkatastrophe 1986

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08. Mai 2015, 06:00 Uhr

Altenholz | Sie versuchten, den Reaktor zuzubetonieren, schaufelten radioaktive Trümmer und ebneten kontaminierte Dörfer und Wälder ein. Nachdem 1986 der Block Vier des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte, wurden etwa 850  000 Liquidatoren ins Katastrophengebiet beordert, um die Schäden zu beseitigen. Wladimir Sednjow war einer von ihnen. Der heute 58-jährige Diplomingenieur für Wärmekraft arbeitete von September bis November 1986 als Schichtleiter der Halle für die Wärmeversorgung und die unterirdischen Rohrleitungen im Atomkraftwerk Tschernobyl. Er ist Invalide zweiten Grades. Gestern war er auf Initiative der Heinrich Böll-Stiftung anlässlich der Europäischen Aktionswochen zum Thema „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ als Zeitzeuge im Gymnasium Altenholz zu Gast.

Er berichtete etwa 60 Schülern aus den drei Profilklassen Wirtschaft/Politik von seinen Erlebnissen. „Es ist ganz wichtig, miteinander ins Gespräch zu kommen“, betonte Martin Kastranek aus dem Vorstand der politisch den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein. „Ein authentisches Erlebnis ist immer sehr spannend.“ Wladimir Sednjow spricht auf Russisch, immer ein paar Sätze. Seine Stimme klingt kräftig, hart und seltsam emotionslos. Dazu zeigt er Fotos auf der Leinwand. Dolmetscherin Maria Shedik übersetzt. Er war damals 26 Jahre alt. Sie wohnten in der Siedlung Drushny bei Minsk. Der 26. April 1986 war ein Sonnabend, ein freier Tag. Seine Frau und er nahmen die Tochter und den Sohn im Kinderwagen mit und fuhren hinaus in ihren Garten. „Wir hatten keine Ahnung, was passiert war“, sagt er. „Wir hatten keine Informationsquelle, keinen Internetanschluss. In der Zeitung und im Fernsehen gab es keine Informationen.“ Erst später wurde der Brand im Fernsehen gezeigt. Es gebe Opfer, hieß es, aber man habe alles im Griff. Zu der Zeit arbeitete er als Schichtleiter auf der Baustelle des neu geplanten Atomkraftwerks in der Nähe von Minsk. Im September 1986 wurde er nach Tschernobyl abkommandiert. Sie hatten drei Tage Zeit, sich darauf vorzubereiten. „Meine Frau brach in Tränen aus, als ich ihr alles erzählte“, sagt er. „Es war aber nichts zu machen, wir mussten fahren.“ Sie wurden in Schichten eingeteilt. „Wir haben Tag und Nacht gearbeitet.“

Die Schüler fragten, was es bedeutete, keinerlei Informationen zu bekommen, fragten nach gesundheitlichen Folgen, erfuhren, dass Ärzte die Folgen nicht mit den Aufräumarbeiten in Verbindung bringen dürfen, sie fragten nach seiner Familie, gesundheitlichen Problemen seiner Kinder und nach dem Abzeichen an seiner Jacke. Kein Orden, wie er betonte, sondern ein Abzeichen, das zum Ausweis gehöre, der ihn als Liquidator auswies. „Wir sind immer ganz froh, Zeitzeugen zu Gast zu haben“, machte Lehrerin Stefanie Gast deutlich. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Henning Schröder betreut sie den Kiew-Austausch, den die Schule seit 1994 pflegt. „Ich finde, dass man an Tschernobyl erinnern muss“, sagte sie. „Wir wissen noch, dass wir kein Gemüse mehr aus dem Garten essen durften.“ Bei vielen Schülern sei die Katastrophe nicht mehr im Bewusstsein. Mit Fukushima sei es wieder mehr geworden.

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