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Kieler Straße : Enthexungsmittel und Olle für kalte Tage

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Vortrag von Ilse Rathjen-Couscherung über die Kieler Straße von anno dazumal. Großes Interesse an „Kult“-Referentin.

shz.de von
erstellt am 14.Okt.2015 | 06:07 Uhr

Eckernförde | Heinrich Mehl brachte es auf den Punkt: „Die Spiegel-Redaktion würde sagen: Diese Referentin ist Kult.“ Gemeint war am Montagabend Ilse Rathjen-Couscherung, ehemalige Lehrerin und seit zehn Jahren aktive Stadtführerin und Heimatforscherin. Sie hat ausverkaufte Vorträge über das alte Borby gehalten und die Eckernförder mit auf einen Streifzug durch die ehemaligen Kneipen der Stadt genommen, als es noch „Söben Grog för een Mark“ gab. Jetzt nahm sie sich im Carls auf Carlshöhe der Kieler Straße und der alten Kaufmannsfamilien an und knüpfte damit an ihren früheren Vorträge an. Ein Großteil der gezeigten Dias stammte aus der damaligen Kieler-Straße-Ausstellung im Museum. Und wieder war die Nachfrage groß: Fast jeder Platz war besetzt.

Dort, wo jetzt die Sparkasse steht, stand vor 100 Jahren das große Kaufhaus Rathgen, zwei Häuser weiter, vorbei an Zahnarzt Haase, war die Eisenhandlung Schuch, zu der das Kohlenlager im Rosengang gehörte – heute der Rimpf-Speicher. Weil er auch Dauerbrand-Öfen verkaufte, wurde der Inhaber „Fiete Dauerbrand“ genannt. Rathjen-Couscherung mit einem Lächeln: „Ob der Name auch noch eine Nebenbedeutung hatte, weiß ich nicht.“

Direkt daneben hatte der „Drogenhändler“ Heskia seinen Laden. „Er verkaufte Arzneien aller Art“, erklärte die Stadtführerin. „Unter anderem ein Enthexungsmittel, mit dem die Fischer ihre Netze gegen böse Flüche besprenkeln konnten.“ 1934 übernahm Heinz-Otto Bröcker das Geschäft, wo die Eckernförderin Dorothea Mahrt 1969 ihre Drogeristenlehre begann. Sie hatte Ilse Rathjen-Couscherung die Geschichte erzählt, wie ein Mann in den Laden kam, sein Gebiss auf den Tresen legte und eine passende Haftscheibe dafür verlangte. Dorothea Mahrt – peinlich berührt ob des seltsamen Verhaltens – griff blind in die Schublade und gab ihm die erstbeste Haftscheibe. Rathjen-Couscherung: „Sie muss die passende Größe erwischt haben: Der Kunde kam nicht wieder.“

So ging es weiter, die Kieler Straße auf der Ostseite entlang: Schlachter Friedrich Hoyns und Karl Heldt, bei dem man für 30 Pfennig ein Buch für eine Woche ausleihen konnte, „Fett Hansen“ und „Appel Hansen“, der erstmals in Eckernförde Südfrüchte verkaufte, woraufhin die Polizei eine Verordnung herausgab, nach der das Wegwerfen von Bananen und Fruchtschalen auf der Straße verboten war. 1930 zog Otto Behrendt in Appel Hansens Laden und bot erstmals einen Laufmaschenservice für Nylonstrümpfe an.

Weiter ging’s an Karl Andersen und der Löwen-Apotheke vorbei, die 2017 ihr 400-jähriges Jubiläum feiern kann, zu Hans Blöcker, der wegen seiner feuchten Aussprache auch „Hans Spuck“ genannt wurde. Legendär war seine Anweisung an die Angestellten, dass kein Kunde sein Geschäft verlassen durfte, ohne etwas gekauft zu haben. „Einmal waren zwei linke Gummistiefel übrig. Auch die wurden an einen Bauern verkauft, dem sie viel zu groß waren.“

Das Modehaus Blöcker mit den bis zur Decke gestapelten Kartons, die Fischhalle von Johannes Büll und die Firma von Wilhelm Dreesen – über sie alle konnte Ilse Rathjen-Couscherung kleine Anekdoten erzählen. Auch über das Kaufhaus Reese, in dem sich die Verkäuferinnen Karteikarten über die Kunden anlegten und somit über jeden bestens Bescheid wussten.Den Geschwistern Musal hat ein Scherzbold übel mitgespielt, als er aus dem Werbespruch an ihrem Schaufenster „Und hier die Wolle für die kalten Tage“ kurzerhand das „W“ durchgestrichen hat – schöne Geschichte aus alter Zeit.

Und das war erst die eine Straßenseite. Ilse Rathjen-Couscherung hatte noch viel mehr Geschichten auf Lager – auch von der anderen Straßenseite, von Schuhhaus Krohn, von „Tammel & Gammel“ und nicht zuletzt von Margarethe Winterberg mit ihrer Bücherstube direkt neben Käse Petersen. Legendär ihr Schild „Wenn es hier riecht, kommt es vom Käse nebenan.“

 

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