Kriegsende : Ende eines Himmelfahrtskommandos

Ein Einmanntorpedo des Typs „Neger“ wird zu Wasser gelassen. Mit solchen Kleinkampfmitteln wurden die Männer 1944 in den Seekrieg gegen die Alliierten geschickt.
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Ein Einmanntorpedo des Typs „Neger“ wird zu Wasser gelassen. Mit solchen Kleinkampfmitteln wurden die Männer 1944 in den Seekrieg gegen die Alliierten geschickt.

Heute vor genau 70 Jahren ging der letzte Funkspruch an die Männer des in Eckernförde angesiedelten Kleinkampfverbandes ein. Sie wurden teilweise mit Einmanntorpedos als Mini-U-Booten eingesetzt.

shz.de von
12. Mai 2015, 06:14 Uhr

Deutschland, vor 70 Jahren: Die bedingungslose Kapitulation beendete den Zweiten Weltkrieg. Sie trat am 8. Mai 1945 in Kraft, doch dauerte es mancherorts einige Tage, bis alle Kampfverbände ihre Waffen abgaben. In Eckernförde ging heute vor genau 70 Jahren, am 12. Mai 1945, der Funkspruch von Vizeadmiral Hellmuth Heye ein. Er war der Chef der Kleinkampfverbände, zu denen neben den Kampfschwimmern auch Ein-Mann-U-Boote gehörten, die ab 1944 als „Wunderwaffe“ zum Einsatz kamen. „Die Kapitulation ist abgeschlossen, der Krieg ist beendet“, beginnen die letzten Sätze Heyes an seine Männer (siehe Info-Kasten), die sich mit den Kleinst-U-Booten wahren Himmelfahrtskommandos aussetzten.

Nachdem der Seekrieg – insbesondere der U-Boot-Krieg – immer aussichtsloser geworden war, begannen im Jahr 1943 die Planungen für sogenannte Kleinkampfmittel. Dazu gehörte ein Mini-U-Boot, das aus einem Torpedo bestand, in dessen Kopf statt Sprengstoff ein kleiner Steuerstand eingebaut wurde. Darin saß der Pilot, der über einen Hebel einen ebenso großen, mitgeführten Torpedo an der Unterseite ausklinken konnte. Durch eine Plexiglaskuppel, die als einziges aus dem Wasser ragte, konnte der Pilot sehen – die ersten Mini-Boote konnten noch nicht tauchen. Hatte der Pilot seinen Torpedo abgefeuert und wurde er selbst nicht abgeschossen, machte er sich auf den Rückweg. Da aber die Kuppel von außen verschraubt wurde, war er beim Ausstieg auf Hilfe angewiesen. Mancher Pilot ist schon vorher erstickt.

Diese Kleinst-U-Boote wurden in Eckernförde gebaut und erprobt. Und weil ihr Ingenieur und mit der Entwicklung beauftragte Marine-Baurat bei der Torpedo-Versuchsanstalt Richard Mohr hieß, wurde der erste U-Boot-Typ in Anlehnung an seinen Nachnamen „Neger“ genannt. So mancher junge Soldat ist allein bei der Erprobung ums Leben gekommen, denn mit anfänglich 30 Knoten waren die Mini-U-Boote kaum unter Kontrolle zu halten. Es folgten Kleinstboote des Typs „Marder“, das bis zu zehn Meter tauchen konnte, und weitere Konstruktionen der Typen „Molch“, „Hecht“ oder „Biber“, in denen zum Teil zwei Soldaten sitzen konnten.

Die jungen Männer, die in die Stahlzigarren stiegen, waren zum Teil nicht älter als 17 oder 18 Jahre. Sie drehten in der Eckernförder Bucht ihre Übungsrunden, wurden in Surendorf kaserniert und ausgebildet. Ihre Existenz und ihr Einsatz war streng geheim.

Im April 1944 verabschiedete Vizeadmiral Heye die ersten 30 Einmanntorpedofahrer von Eckernförde zum Einsatz nach Anzio-Nettuno in Italien, um die Amerikaner, die von Sizilien aufs Festland kamen, zu bekämpfen – ohne nennenswerten Erfolg. Bei der Invasion der Alliierten in der Normandie konnten die Einmanntorpedos zwar unter anderem eine britische Fregatte und einen polnischen Kreuzer versenken, jedoch waren die eigenen Verluste enorm groß: Keines der 21 ausgelaufenen Geräte kehrte zum Stützpunkt zurück. Dennoch kamen Klein-U-Boote bis Kriegsende weiterhin zum Einsatz – bis der erlösende Funkspruch kam.

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