Einmal Russland und zurück

schleuse
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Beeindruckende Erlebnisse während einer zehntägigen Flusskreuzfahrt von St. Petersburg nach Moskau

shz.de von
17. Mai 2018, 09:57 Uhr

Meine Freunde und ich hatten beschlossen, nach Russland zu fliegen. Ich habe angefangen zu sparen, habe die Reiseunterlagen bekommen – und hätte am liebsten abgesagt, als ich sah, welcher Papierkrieg nötig war. Allein der Erfassungsbogen für die Beantragung des Visums, seitenlang, dann das ungeliebte Passfoto. Ich hatte schon mal einen Selbstversuch gestartet, gar nicht mal so schlecht, aber leider nicht biometrisch. Als ich dann im Rathaus saß und alles in Gang bringen wollte – die Visa müssen immer viele Wochen, gar Monate vorher eingereicht werden, um weiter bearbeitet zu werden-, fiel ich aus allen Wolken, als die Sachbearbeiterin meinen alten Pass haben wollte. Ansonsten würde eine Verlustmeldung durch die ganze Republik geschickt werden.

Was soll’s, ich habe alle möglichen und unmöglichen Stellen, an denen ich den Pass verwahrt haben könnte, mehrmals durchsucht. Man glaubt gar nicht, was man alles aufbewahrt bzw. wiederfindet, nur nicht den dunkelroten Pass, von dem ich meinte, ihn sowieso nie wieder benutzen zu müssen. Am nächsten Tag ging die Suche von vorn los. Plötzlich zog ich, ganz ohne Hast, die rechte Schublade der Kommode am Bett auf. Dort lag die Bedienungsanleitung für meinen Wecker, zwei 100-Franc-Scheine – und mein schon so lange abgelaufener Pass.

Ich war dann doch sehr erleichtert, nun den Reisepass ordnungsgemäß mit einigermaßen geglücktem Passbild, biometrisch und mit Fingerabdruck, beantragen zu können. Die nächste Hürde, eine Auslandskrankenversicherung über eine nur von Russland höher als normal geforderte Summe, meisterte ich dann nach einigem Hin und Her mit meiner Versicherung. Die Tage rannen dahin, vier Wochen hatte ich noch Zeit. Unser Reisebüro-Mitarbeiter hat dann persönlich für unsere 25-köpfige Gruppe die Pässe und Unterlagen nach Hamburg zur Botschaft gebracht.

Hatte ich es schon erwähnt? Wir wollten eine Flusskreuzfahrt machen, von St. Petersburg nach Moskau. Der ganze Aufwand für zehn Tage des Jahres? Aber was für zehn Tage! Es waren nicht nur die heißesten des Jahres, es waren auch die eindrucksvollsten der letzten zehn Jahre, zumindest für mich.

St. Petersburg empfing uns nach einem kurzen Flug mit Regen, aber die St. Petersburger sagen über ihre wunderschöne Stadt, dass Regen eine ihrer Attraktionen sei. Und dann wurde das Wetter tagtäglich besser. Wir schipperten, immer nachts und durch viele Schleusen, mit der noch in der ehemaligen DDR gebauten MS Scholochow über die Newa, den Ladogasee, den Fluss Svir, den Onegasee, den Weißen See, den Rybinsker Stausee, die Wolga und den Uglitscher Stausee. An Land waren wir auf der Insel Kishi, die ein Freilichtmuseum ist, in Goritsy steht das berühmte Kyrill-Beloserski-Kloster, Uglitsch und sein Kreml sind eng mit Boris Godunov verknüpft. Zuletzt wurden wir durch die sechs Moskauer Kanalschleusen geschleust und fuhren an den ersten Hochhäusern Moskaus vorbei - und hatten damit 168 Meter Höhenunterschied und 1550 Kilometer seit St. Petersburg hinter uns. Übrigens haben wir unterwegs sehr oft winkenden, rufenden, fröhlichen Menschen, Kindern, Anglern, geantwortet, so wie uns überall bei unseren Landgängen ausschließlich freundliche Menschen begegnet sind, nur zum Teil dem Tourismus geschuldet.

Unser Ziel Moskau hat uns auch nicht enttäuscht. Wir sind mit der berühmten Metro ins Zentrum gefahren, bei Nacht, es war umwerfend. Der Kreml, das GUM, die Stadttore, die Basilius-Kathedrale, ich war im Fotografier-Rausch. Bei Tage fehlte dann der nächtliche Glanz ein wenig – und trotzdem hat Moskau mit seinen prachtvollen Bauten viel Charme.

Nach der Rückkehr habe ich lange Zeit Moskau auf der Wetterkarte verfolgt und festgestellt, dass die Stadt zu unserer Zeit am heißesten war, morgens schon 25 oder gar 28 Grad. Wer mich kennt, weiß, dass das eigentlich nicht meine Temperaturen sind.

Mein neuer Pass hat jetzt ein russisches Visum und zwei rote Stempel, und ich kann ihn getrost wieder in die bewusste Schublade legen.



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