Eine ziellose Eichenallee und ihre Geschichte

shz.de von
14. Mai 2010, 03:59 Uhr

Eckernförde | Seit vielen Jahren versuche ich dem Geheimnis einer Eichenallee auf die Spur zu kommen und frage mich, warum sie hier mitten in den landwirtschaftlichen Flächen des Gutes Altenhof steht. Alleen werden seit jeher von Menschenhand gepflanzt und führen fast immer zu einem Gutshof oder einem Gehöft. Diese Allee hat kein Ziel. Sie ist von Ackerland umgeben und endet an einem Wassergraben.

Für mich ist sie etwas ganz Besonderes. Im Sommer sorgen die etwa 100 Jahre alten Eichen für ein schattiges Laubdach, in dem sich viele Vogelarten aufhalten und brüten. Ab und zu verschläft ein Hase den Tag in seiner Sasse. Die Eichelmast im Winter ist für die Wildschweine und das Damwild ein "gefundenes Fressen". Der Weg und einige Meter der angrenzenden Felder werden von den Sauen umgegraben. Tiefe Löcher entstehen um an die Eicheln, an Mäuse, Würmer und andere Protein-Lieferanten zu kommen.

Es gibt Hinweise, dass die Flächen um die Allee besiedelt waren. Darauf weisen einige Namen der Gemarkungen und die Mergelkuhle. Auf einem Flurstück wurden nach dem Pflügen Scherben, Werkzeuge und in einem Falle sogar Schmuck gefunden.

In einem Gespräch mit Herrn Christoph von Bethmann Hollweg, dem Senior der Familie auf Gut Altenhof, lüfteten sich einige Rätsel. Er kann sich an die Eichenallee erinnern, als sie noch "Nieredder" hieß. Seine Vorfahren fällten 1926 den Rest uralter Eichen und pflanzten neue. Die heutigen sind also noch keine 100 Jahre alt. In den 1960 er Jahren wurde der hohe Erdwall links und rechts der Allee aus arbeitstechnischen Gründen entfernt. "Leider", sagt Herr von Bethmann Hollweg. "Der dichte Bewuchs mit allerlei Sträuchern gab dem Nieredder das Bild eines Hohlweges." Er erinnert sich an den süßen Duft des Geißblattes, an die vielen Kaninchen, die in dem sandigen Wall ihre Baue hatten und in der waffenlosen Nachkriegszeit mit Netzen gefangen wurden. Kein Wunder, dass sich der alte Herr gerne an diese Zeit erinnert. Seine Mutter erzählte ihm damals, dass die Allee einst zu den "Selmsdorfer Höfen" führte. Auch die frühere Mitarbeiterin des Kirchenamtes Eckernförde, Frau Krumhoff, konnte dies bestätigen. Sie bearbeitete einst eine Akte mit dem Titel "Das niedergelegte Dorf Selmsdorf".

Ich war jetzt meinen Vermutungen ein Stück näher. Die Ländereien am Ende des Nieredder s waren besiedelt. Im Landesamt Schleswig erhoffte ich Aufklärung und wurde erst einmal enttäuscht. Das Gut Altenhof erscheint in den Akten erst ab 1680, als Selmsdorf schon niedergelegt war. Ältere Akten sind höchstwahrscheinlich in Kopenhagen zu finden.

Eine "Thopographie des Herzogthums Schleswigs" brachte letztlich einen Teilerfolg. Dort steht geschrieben: "Selmsdorf (Celmerstorp, Seltendorf) ein ehemaliges Dorf im Ksp. Eckernförde, welches 1295 erwähnt wird und auf der Feldmark des Gutes Altenhof, nordöstlich vom Hofe auf den Schlägen Selmersdorferhöfe und Hinterstehöfe belegen gewesen ist. Dieses Dorf wurde noch 1609 genannt ..."

Jetzt nähert sich meine Sucht dem Ende. Die Vermutung der Familie von Bethmann Hollweg bestätigt sich also. In der Mitte des 17. Jahrhunderts grassierte in dieser Gegend die Pest, und als keine Menschenseele mehr lebte wurde Selmsdorf dem Erdboden gleich gemacht.

So wird es wohl gewesen sein. Jahrhunderte sind vergangen. Zur Erinnerung an die Selmsdorfer Höfe sind nur die Namen der Gemarkungen geblieben und der Nieredder mit der schönen Eichenallee. Was bleibt ist ein kleines Stück Geschichte im Dänischen Wohld und die Erinnerung an Menschen, die hier gelebt und das Land gestaltet haben und am Ende von einer Geißel der Menschheit, der Pest, dahin gerafft wurden.

Die Eichenallee hat mich zu dieser Geschichte geführt.

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