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Extremsport : Eine Spinnerei wird zur „wahnsinnigen Erfahrung“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der fast blinde Extremsportler Harald Lange bereitet sich in Eckernförde bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr auf seinen nächsten Wettkampf vor.

Für Harald Lange aus Bad Homburg ist es einfach nur eine „wahnsinnige Erfahrung“. Der sehbehinderte 33-Jährige ist gerade für eine Woche bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Eckernförde zu Gast. Trotz nur fünf Prozent Sehkraft auf dem einem Auge – auf dem anderen ist er seit der Geburt bereits komplett erblindet –, will sich Lange bei den Sport-Assen von Fördergruppenleiter Lars Apitz fit machen. Denn der Mitarbeiter des Landesschulamtes hat Großes vor.

Am 8. März nimmt Lange, der sich zudem ein zweites Standbein als Masseur aufgebaut hat, am „Brave Heart Battle“ teil. Dieser Extremlauf über etwa 28 Kilometer ist gespickt mit 45 bis 50 künstlichen und natürlichen Hindernissen. Eiskaltes Wasser, steile und matschige Aufstiege oder auch ein mit verrottenden Bäumen und Gestrüpp extrem unwegsamer Bachlauf sind nur einige der Hindernisse, die schon für Menschen mit guter Sehkraft alles andere als leicht zu absolvieren sind. „Für mich ist das Training hier bei der Sportfördergruppe natürlich ein ideales Training. Es ist eine Ehre für mich, hier sein zu dürfen“, sagt Lange, der es gewohnt ist, an seine Grenzen zu gehen, und nicht selten auch darüber hinaus.

Gestern durfte Lange den Aufnahmeparcour für die Maritimen Fünfkampfanwärter in der Halle absolvieren. Zwei Böcke, eine Balancestrecke oder die zwei hohen Sprossenwände – die Hindernisse, die möglichst schnell überwunden werden sollen, verlangen einem alles ab. „Ein bisschen aufgeregt bin ich jetzt schon“, sagt Lange, verliert dabei aber nicht seine freudige Erwartung. Es wird mehr als deutlich: Der Bad Homburger liebt Herausforderungen, auch wenn sie zeitweise schmerzhaft oder sogar gefährlich für ihn werden. „Geht nicht, gibt es bei mir nicht“, sagt er, und fügt hinzu: „Nur ab und an, muss man einfach sagen: Das ist jetzt zu gefährlich. Sei vernünftig.“

Der Hallenparcours fällt nicht in diese Kategorie. Lange sprintet los und springt über den ersten Bock. Da er die Hindernisse so spät sieht, und ihre Höhe und Länge nicht einschätzen kann, knallt er zweimal unsanft mit dem Po auf den Bock – doch mehr als eine kleine Grimasse des Schmerzes, verzieht der Extremsportler nicht. Die Sprossenwand – kein Problem. Unter dem flachen Trampolin durchtauchen – nicht einmal den Kopf stößt er sich. Sogar den Tennisball versenkt er aus sieben Metern zielgenau beim ersten Wurf in einem hochgestellten Kastenteil. Kopfschüttelnd und staunend sehen die erfolgreichen Fünfkämpfer dem Trainingsgast zu. Nach knapp 2,20 Minuten ist er im Ziel. „Eine gute Zeit“, sagt Apitz. Seine sehenden Fünfkämpfer benötigen in Topform auch nur etwa 50 Sekunden weniger als Lange. Obwohl er noch immer außer Atem ist, will Lange schon wissen, was am Nachmittag ansteht. Mit dem 5000 Meterlauf eine weitere sportliche Herausforderung.

Die Behinderung gehört für Lange zum Leben dazu, doch deshalb bläst er keinen Trübsal. Er ist förmlich auf der Jagd nach immer neuen Erfahrungen. Dazu zählt seit dieser Woche auch das Bad in der eiskalten Ostsee nach einer knackigen Laufeinheit an der Steilküste. „Es ist schon imponierend, wenn man sieht, welchen Ehrgeiz er entwickelt“, sagt ein beeindruckter Lars Apitz. So werden nach sieben gemeinsamen Tagen wohl alle ein positives Fazit über den Besuch ziehen.

Für Lange ist es allein schon ein großer Erfolg, überhaupt ein Praktikum bei der Sportfördergruppe absolvieren zu dürfen. „Zuhause musste ich mir anhören: Du immer mit deinen Spinnereien, die nehmen dich doch sowieso nicht“, erklärt Lange und freut sich. „Doch dann mache ich es natürlich schon aus Trotz!“

Mit Erfolg, denn die Woche in Eckernförde hat den fast blinden Extremsportler wieder einmal darin bestärkt, weiter seinen Weg zu gehen. Und dieser ist bei Harald Lange spätestens beim „Brave Heart Battle“-Lauf wieder mit vielen Hindernissen gepflastert.

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erstellt am 13.Feb.2014 | 06:00 Uhr

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