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Eine königliche Frage: „And where are the horses?“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Großer Aufstand beim Queen-Besuch 1965 in Marbach: Abkommandierte Schulklassen und ein huldvolles Winken

Wir schreiben das Jahr 1965. Die Königin von England weilt zu ihrem ersten Staatsbesuch in der Bundesrepublik Deutschland und kommt auch nach Stuttgart, die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg. Ich selbst bin Schülerin eines Internats in der Nähe von Ludwigsburg.

Im Vorfeld ihrer Visite nach ihren Wünschen befragt, äußert die Monarchin, dass sie gerne Marbach besuchen möchte. Ok, kein Problem, Marbach ist quasi um die Ecke, Ludwigsburg mit seinem Barockschloß liegt auf dem Weg, da kann man Königs zeigen, daß die Schwaben auch ganz nette Häusle haben. Man ist zwar ein wenig verblüfft – soviel Kulturbeflissenheit hatte man von der Lady nicht erwartet. Aber gerne doch, schließlich sind wir ein bisschen stolz auf unseren Schiller.

Den Schülerinnen des Internats wird schulfrei in Verbindung mit einem Wandertag verordnet. Wandertag? Was soll´s, Hauptsache, kein Unterricht. Die Marbacher putzen ihr Städtchen auf Hochglanz, der Bürgermeister übt eine Rede auf Englisch, was ihm sehr schwerfällt, aber für den Besuch der Königin ...

Der große Tag ist da. Die Schülerinnen stiefeln los, meine Truppe unter der Führung des Mathelehrers, der einen großen Rucksack trägt. Es herrscht ziemliches Schietwetter. Irgendwann landen wir im Nirgendwo an einer völlig neuen Straße, links und rechts nur unbefestigte unbegrünte Erdwälle, ein einziger Matsch. Der Mathelehrer holt aus seinem Rucksack viele Fähnchen - schwarz-rot-gold und Union Jack – jedes der Mädchen wird damit ausgestattet. Er hat auch eine Trillerpfeife dabei und erklärt uns: Wenn ich das Signal gebe, fangt ihr alle an, kräftigst zu winken. Alles klar. Bisschen blöd zwar, aber für den Besuch der Königin ...

Der Konvoi von Stuttgart nach Marbach via Ludwigsburg naht. Der Mathelehrer trillert, wir wedeln, was das Zeug hält, die Autos fahren tatsächlich langsamer, als sie die Horde Mädchen sehen, die da mitten in der Landschaft als Jubelabteilung steht, und wir sehen die Königin. Sie trägt ein babyblaues Hütchen, der von ihr sichtbare Teil ist ebenso blau gekleidet, einschließlich der Handschuhe, und sie winkt uns huldvoll zu.

Wusch, ist sie weg. Das war´s. Wir haben die Queen gesehen und dürfen wieder nach Hause marschieren.

Sie aber muss noch nach Marbach. Dort läuft das vorbereitete Programm ab, Schillergeburtshaus und Museum, Eintrag ins goldene Buch, Mittagessen, die Rede des Bürgermeisters (Öttinger hat sich viel später wohl daran orientiert!). Sie, gut erzogen, wie Königinnen so sind, lässt alles geduldig über sich ergehen.

Die Marbacher sind fertig und meinen, nun fährt die Dame zurück in die Landeshauptstadt. Die denkt aber nicht daran und guckt ihre Gastgeber erwartungsvoll an. Als nichts weiter passiert, da fällt dann dieser verhängnisvolle Satz, der sicher einigen Karrieren der anwesenden Landesbeamten einen gehörigen Knick verpasste. Aus königlichen Mund kommt die einfache Frage: „And where are the horses?“

Erstmal absolute Stille, dann hat man wohl das Klicken in den Köpfen gehört: Es gibt in Baden-Württemberg zwei Städtchen mit dem Namen Marbach. Das eine, Marbach am Neckar mit dem Schiller, da war sie gerade. Das andere Marbach liegt auf der schwäbischen Alb, und dort ist ein kleines, aber feines Gestüt beheimatet. Und da die Königin von England bekanntermaßen selbst Pferde züchtet, hätte ein denkender Mensch davon ausgehen können, dass Elisabeth mit Schiller nicht viel am Hut hatte – her Majesty wollte Pferde gucken ....

Diese Riesenpleite wurde ein wenig gedeckelt, so dass nicht die ganze Republik davon Kenntnis erhielt, wie dusslig sich die Landesregierung angestellt hat.

Wir jedoch haben herzlich gelacht und die Matsch-Wanderung dadurch in einem freundlicheren Licht gesehen. Ob man der Lady noch einen Besuch des Gestüts während ihres Aufenthaltes ermöglichte, entzieht sich meiner Kenntnis, ich wünschte es ihr.

Und immerhin: Wir haben die Königin von England gesehen, live und sogar ziemlich nah.


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erstellt am 02.Feb.2017 | 15:51 Uhr

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