Neue Ausstellung in Sehestedt : Eine einschneidende Veränderung

Als auch noch Ruderboote zum Einsatz kamen: Zeichnung aus einer illustrierten Zeitschrift, die dem Kieler Marinemaler Fritz Stoltenberg zugeschrieben wird. „Nach der Natur gezeichnet“ ist auf dem Blatt vermerkt.
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Als auch noch Ruderboote zum Einsatz kamen: Zeichnung aus einer illustrierten Zeitschrift, die dem Kieler Marinemaler Fritz Stoltenberg zugeschrieben wird. „Nach der Natur gezeichnet“ ist auf dem Blatt vermerkt.

Ausstellung erinnert an den Kanalbau vor 120 Jahren und die Verbreiterung in den 1970er-Jahren / Folgen für Sehestedt: Ein geteiltes Dorf

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29. Juli 2015, 06:53 Uhr

Die Villa „Ozeana“, das Kaufhaus Johannsen und die Gastwirtschaft Piehl – wer in Sehestedt erinnert sich heute noch an sie? Diese Häuser zählen zu den Gebäuden, die vor mehr als 120 Jahren einem gigantischen Projekt weichen mussten: Dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals. Im Dorfmuseum erinnert jetzt eine kleine, sehr informative Ausstellung an die Veränderungen, die der Kanal und in den 1970er-Jahren seine Verbreiterung für den Ort bedeuteten.

Zeitzeugenberichte aus der Bauzeit, die Sehestedt betreffen, gibt es quasi nicht. Also mussten Alexandra Koop und der Museumsverein findig sein: Sie zitieren Bewohner aus der Nachkriegszeit, zeigen Fotos von der Erweiterung und auch den alten Schwarz-Weiß-Film einer Kanalfahrt. Das Wasser-und Schifffahrtsamt hat das Modell einer Fähre, wie sie heute noch im Einsatz ist, als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Und
vom Sehestedter Karl-Heinz Fedders stammen die Werkzeuge, die er als Arbeiter bei der Kanalverbreiterung verwendet hat.

Sehr eindrucksvoll verdeutlichen zwei Relief-Darstellungen die Veränderung. Auf dem oberen fällt es ohne den Kanal schwer, sich zu orientieren. Immer wieder hört man in Gesprächen, was als mündliche Überlieferung auch in der Sehestedter Chronik verzeichnet ist: Dass die Wasserstraße eigentlich „vom Schirnauer See auf schnurgerader Strecke an Osterrade vorbei auf Königsförde zu geplant war“. Die damalige Gutsherrin von Osterrade soll alles daran gesetzt haben, dass ihre Ländereien nicht zerschnitten werden. Das Ergebnis: Ein Kanal, der mitten durch ein Dorf führt.

Zahlreiche Sehestedter, aber auch Auswärtige waren am Sonnabend zur Eröffnung gekommen. Darunter auch Nachkommen von Arbeitern, die zum Kanalbau ins Dorf gezogen waren. Intensiv begutachtet wurden die Bilder aus alter Zeit, aber auch das Relief. „Das hier war die Leichenhalle“, sagt ein Besucher und deutet auf ein winziges Gebäude nahe der Kirche. Diese wurde abgerissen, als der Kanal verbreitert wurde. Diese Arbeiten bedeuteten einen weiteren Einschnitt. „Auf der Nord-Ost-Seite verlief unterhalb der Häuser am Kanal die Straße“, erläutert Alexandra Koop. Die gibt es nicht mehr. Stattdessen sind die Häuser jetzt über den Forstweg zu erreichen.

In einer kleinen Umfrage wollte die gebürtiger Sehestedterin Alexandra Koop von den Einwohnern wissen: „Was ist gut und was ist schlecht am Kanal?“ Positiv sei „ein täglicher Spaziergang mit toller Aussicht“, gibt ein Bewohner zu Protokoll. Der „Mammutstau 2013, als die Rader Hochbrücke gesperrt war“, ist dagegen in negativer Erinnerung. Auch als Arbeitsplatz ist der Kanal von Bedeutung: „Mein Mann hat lange Jahre auf der Weiche gearbeitet, da haben ihn die Kinder besucht und im Kanal gebadet“, erinnert sich eine Sehestedterin positiv. Dumm für die Schüler der Südseite: Sie müssen früher aufstehen, weil der Schulbus vom Norden abfährt. Allerdings haben sie auch immer eine plausible Ausrede parat – die Wartezeit an der Fähre.

Deutlich wird: Der Kanal trennt das Dorf zwar. Aber die Fähre verbindet es auch. Sie ist eine Art schwimmender Dorfplatz geworden.


>Dorfmuseum Sehestedt, Ausstellung bis Ende August, Öffnungszeiten bis Oktober Sonnabend und Sonntag 14 bis 16 Uhr oder nach telefonischer Voranmeldung 0  43  57/4  57. Internet: www.dorfmuseum.sehestedt.de

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