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Eckernförder Zeitung

18. August 2017 | 09:20 Uhr

„Eine Auszeit von ihrem Leid“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Sprachwissenschaftlerin Bettina Kruse ist für „Deutsch als Fremdsprache“ spezialisiert und unterrichtet ab Dezember Flüchtlinge in Damp

Frau Kruse, in Damp sind Flüchtlinge aus verschiedensten Ländern und Kontinenten untergebracht. Wie wollen Sie ihnen Deutsch beibringen, ohne selbst deren Sprache zu sprechen?

Viele können in der Tat auch kein Englisch sprechen und die meisten der Flüchtlinge in Damp kennen keine lateinischen Buchstaben, soweit ich weiß.

Daher gebe ich ihnen zunächst Bögen mit Worten in verschiedensten Sprachen, um zu testen, ob sie eine davon lesen und verstehen können oder Analphabeten sind. . Die Kommunikation läuft gerade anfangs vor allem über Bilder und Gestik, viel vorsprechen und selbst nachsprechen.

Was wissen Sie denn bislang über ihre künftigen Schüler?
Nicht sehr viel. Ich habe mir sagen lassen, dass die meisten Flüchtlinge aus Syrien kommen, es gibt aber auch welche aus dem Kosovo, Russland, Serbien, Eritrea, Armenien und dem arabischen Raum. Die Leute müssen erst einmal hier ankommen, einige sollen traumatisiert sein und Schussverletzungen haben.

Legen Sie sich bei Ihrer Arbeit einen inneren Panzer zu und blenden die Flüchtlings-Schicksale aus?

Es berührt mich durchaus, wenn die Menschen von ihren Schicksalen erzählen. Umgekehrt bietet der Unterricht den Flüchtlingen eine Art Auszeit von ihrem Leid, das merke ich auch an den Rückmeldungen von ihnen. Insgesamt bin ich durch die geschilderten Erlebnisse eine noch größere Kriegsgegnerin geworden als ohnehin schon.

Unter den Flüchtlingen befinden sich zum Teil ganze Familien. Kommen auch die Kinder zu Ihrem Sprachunterricht?

Nein, der richtet sich nur an Erwachsene. Die Kinder gehen in eine deutsche Schule. Für sie besteht die allgemeine Schulpflicht – unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Aber in der Schule verstehen sie gerade zu Beginn gar nichts, das ist für alle beteiligten schwierig. Es gibt aber teilweise Klassen für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache und Kinder lernen im Allgemeinen sehr schnell.

Worin sehen Sie denn die größten Schwierigkeiten bei Ihrer Arbeit mit den Flüchtlingen und woraus ziehen Sie ihre Motivation dafür?
Einer heterogenen Gruppe, die zwischen neun und 17 Leuten umfasst, Deutsch beizubringen, wird eine große Herausforderung. Bei den Alphabetisierungskursen des Bundes sind es höchstens 12 Personen pro Gruppe.

Teilweise hatten die Menschen in Ihren Herkunftsländern nicht die Möglichkeit zur zu Schule zu gehen, sie müssen den Schreib-und Lese-Lernprozess ganz von vorn anfangen, so wie die Kinder in der ersten Klasse und das heißt manchmal auch zu lernen, , wie man überhaupt einen Stift zum Schreiben halten muss.

Umgekehrt ist ein toller Prozess, sich Sprache anzueignen. Wir wollen ja alle kommunizieren. Und man ist weniger auf die Hilfe anderer angewiesen, wenn man sich eigenständig mit seinem Umfeld verständigen kann.

Sie haben offenbar überhaupt keine Sorge, dass die Flüchtlinge unmotiviert sind und dem freiwilligen Deutsch-Kurs fernbleiben.

Nein, an der Einstellung der Teilnehmer zweifele ich keineswegs. Der Sozialarbeiter in Damp hat mir versichert, dass die Flüchtlinge alle hochmotiviert sind. Es ist für sie ja auch ein guter Einstieg, da sie dann bei dem Integrationskurs nicht bei Null beginnen müssen.

Inwiefern können Sie weitere Hilfe gebrauchen, um den Flüchtlingen ein möglichst guten Start in der Region zu ermöglichen?
Einige Bürger haben sich bereits gemeldet und wollen mich ehrenamtlich bei dem Sprachunterricht unterstützen. Es wäre schön, wenn sich weitere Bürger melden würden, die als Art Betreuungsperson den Flüchtlingen im Alltag helfen und als Übersetzer fungieren. Und wer ein altes iPad oder Tablet-Computer über hat, kann das gern spenden. Denn es gibt eine App, die das Sprachelernen hervorragend unterstützt.

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von
erstellt am 13.Nov.2014 | 11:09 Uhr

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