Abschied : Ein Wegbereiter für abgelehnte Kinder

Nach fast 41 Jahren im Schuldienst wurde Wolfgang Lerch, Leiter der Helene-Diekmann-Schule, in den Ruhestand verabschiedet.
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Nach fast 41 Jahren im Schuldienst wurde Wolfgang Lerch, Leiter der Helene-Dieckmann-Schule, in den Ruhestand verabschiedet.

Leiter der Helene-Dieckmann-Schule in Altenholz geht heute in den Ruhestand / Nachfolge noch offen / Feierstunde im Gemeindezentrum

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30. Januar 2015, 06:05 Uhr

Altenholz | Die Schüler bekommen ihre Halbjahreszeugnisse, Wolfgang Lerch seine Verabschiedungsurkunde: Nach 13 Jahren geht der Leiter der Helene-Dieckmann-Schule, dem Förderzentrum Altenholz-Gettorf-Kronshagen, in den Ruhestand. In einer Feierstunde im Gemeindezentrum wurde er gestern verabschiedet.

Sie ist eine Schule ohne Schüler – die 21 Kollegen um Wolfgang Lerch beraten Lehrer an den Schulen im Dänischen Wohld und Kronshagen, die Kinder mit Förderbedarf unterrichten, oder sind fest in den dortigen Unterricht mit eingebunden. Ob ein Kind diese Unterstützung braucht, wird schon in den Kitas ermittelt, die eng mit dem Förderzentrum zusammenarbeiten. In Absprache mit den Eltern könnten die Kinder zur Einschulung präventiv unterstützt werden, erklärt Lerch. „Viele haben damit einen guten Start. Es gibt aber auch einige, die langfristig differenzierende Unterstützung brauchen“, sagt Lerch weiter. Für sie wird ein Förderplan erstellt, der in ihrer gewohnten Klassengemeinschaft zur Anwendung kommt, was enorm wichtig sei, betont Lerch. Bei Bedarf werden die Schüler bis zum Ende der Pflichtschulzeit begleitet, unter Umständen sogar bis in die Berufsschule. „Ziel ist es, dass die Jugendlichen das Ausbildungsmaß auf ihrem Niveau durchsetzen“, macht Lerch deutlich. Die Statistik spricht für sich: 50 Prozent der begleiteten Schüler bekomme einen Ausbildungsplatz, 25 Prozent besuchten ein weiteres schulisches Bildungsangebot, und die übrigen 25 Prozent hätten weiteren Entwicklungsbedarf, zeigt Lerch auf.

Der Ansatz, Kinder mit Förderbedarf in einer Regelschule zu belassen, sie aber dort zu unterstützen, war es auch, der Lerch vor 13 Jahren veranlasste, der Albert-Schweitzer Schule in Sundsacker den Rücken zu kehren, wo er als Konrektor angefangen hatte und die er zuletzt leitete – ebenfalls 13 Jahre lang. Seine erste Station war die Pestalozzi-Schule in Eckernförde, von wo aus er an die Jordanschule in Altenhof wechselte. „Schon im Studium hatte ich mich verstärkt mit Verhaltensgestörten-Pädagogik beschäftigt und gemerkt, dass diese Kinder und Jugendlichen am meisten Unterstützung benötigten“, erklärt Lerch. Was die Kinder dorthin gebracht hatte, war nicht zu ändern. Aber man habe ihnen Anstöße für die Zukunft geben können. „Wir von der Schule sind die einzige Lobby für diese Kinder, die oftmals überall abgelehnt und unerwünscht sind“, macht der 65-Jährige deutlich. Die Erziehungshilfe habe Freiräume geboten, ihnen neue Erfahrungen zu ermöglichen, durch die sie lernten, sich etwas zuzutrauen. Hand in Hand mit Lehrern und Erziehern sei es gelungen, ihnen individuell angepasste Aufgaben zu stellen, die die Jugendlichen systematisch und erfolgreich bearbeiteten.

Die Familienlandschaft habe sich von damals bis heute stark verändert. Die Wohlstandsverwahrlosung habe offensichtlich deutlich zugenommen, hat Lerch festgestellt. Aus den verschiedensten Gründen hätten Eltern immer weniger Zeit für ihre Kinder. Lerch: „Die Zeit, die man mit Kindern verbringen muss, um sie als Kinder wahrzunehmen, kommt zu kurz. Das führt zu emotionalen Entwicklungsverzögerungen.“ Die groß beschworenen „bildungsfernen Elternhäuser“ dagegen „gibt es und hat es immer gegeben. Aber das sind nicht mehr geworden“.

Auf Zeit nach der Schule freut sich der Stifter sehr. „Meine neuen Arbeitgeber stehen schon in den Startlöchern“, verrät er mit einem Lächeln und meint damit seine beiden Enkeltöchter, mit denen er nun die Nachmittage verbringen wird. Auch seine beiden Hunde würden die Freiräume für mehr Spaziergänge sicher genießen. Außerdem möchte er sich Dingen widmen, die in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen sind, wie der Sport zum Beispiel.

 
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