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vor ort ist alles anders : Ein schwerer Gang nach Auschwitz

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Jugendliche und Eltern der Kirchengemeinde Altenholz besuchten das Vernichtungslager in Polen. Nachhaltige Eindrücke bei allen Teilnehmern müssen noch verarbeitet werden.

Altenholz | ALTENHOLZ „Es wird lange dauern, bis man die ganzen Eindrücke verarbeiten kann“, so das Fazit der 18-jährigen Julia, die zusammen mit weiteren vier Jugendlichen und fünf Erwachsenen Anfang April das Konzentrationslager Auschwitz besucht hatte. Und sie war froh, dass ihre Eltern dabei waren. Bente, Tochter von Gemeindesekretärin Viola Johannsen, hatte mit ihrer Mutter viel über das Thema gesprochen und gab letztlich den Anstoß zu der Fahrt. „70 Jahre nach der Befreiung des Lagers, das eine wichtige Rolle in der deutschen Geschichte einnimmt, war es Zeit hinzufahren“, so die 18-jährige. Dass bis auf den 16-jährigen Peer alle Jugendlichen von zumindest einem Elternteil begleitet wurden, war durchaus gewollt, wie Pastor Dirk Große, der das Lager bereits zum zweiten Mal besucht hatte, sagte. „Die Fahrt nach Auschwitz, wo Menschen organisiert vernichtet wurden, lag den Jugendlichen auf dem Magen. Da war es gut, dass die Erwachsenen dabei waren“, so Große. „Denn“, so der Pastor weiter, „es ist ein Unterschied, ob man von Auschwitz hört oder es im Fernsehen sieht, oder ob man vor Ort ist und auf dem Boden steht, wo über eine Million Menschen vernichtet wurden. Man fällt dort in eine Art Schockstarre“.

Und so sind sie ihn gegangen, den Todesweg, der eineinhalb Millionen Menschen in die Gaskammern führte. „Diesen Weg zu gehen war unvorstellbar“, sagte Peer und vermittelte das Gefühl, dass er sich allein bei der Erinnerung daran nicht sonderlich gut fühlt. Zwei Fragen, so Dirk Große, standen im Mittelpunkt: „Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun?“ und „Wo war Gott?“. Die erste Frage beantwortet sich durch die perfekte Organisation des Systems durch die Nazis. Die Antwort auf die zweite Frage erstaunt zunächst. „Es gab auch Züge von Menschlichkeit, zum Teil sogar seitens der SS-Leute, wie Tagebücher von Opfern belegen“, so Große.

Die Frage, ob es auch Gespräche mit Überlebenden gab, verneinten die Jugendlichen. Auch wenn ein Überlebender des Konzentrationslagers Dachau mit einem Begleiter Auschwitz besuchte, haben die jungen Altenholzer ihn nicht angesprochen. „Wir haben uns nicht getraut, dazu hatten wir einen zu großen Respekt vor ihm“, sagte Julia. Waren vor der Reise alle gespannt oder hatten gemischte Gefühle hinsichtlich dessen, was sie erwartete, schlug die Spannung vor Ort in Entsetzen um. Antje, Tochter von Pastor Große, hatte lange überlegt, ob sie mitfahren soll. Im Nachhinein ist sie aber froh, dass sie es getan hat. „Ich werde mit dem Thema künftig ganz anders umgehen“, sagte die 17-jährige. Seien es die Rampe, die Baracken, der Todesweg, die Gaskammern, in denen noch die Kratzspuren an den Wänden vom Todeskampf der Opfer zeugen – die Grausamkeiten, die dort passiert sind, sind nicht fassbar. „Es ist schwer, auf dem Boden zu stehen, auf dem so viele Menschen ermordet wurden“, bringt es Julia auf den Punkt. Wichtiger als bloße Zahlen war für Peer das „Buch der Opfer“, wo aus jeder Zahl ein Name wurde, eine Existenz.

Aber auch die Stadt Auschwitz, das heutige Oswiecim, am Fluss Sola haben sie sich angesehen. Eine „wunderschöne Stadt“, wie Peer feststellte. Eine Stadt, in der keine Familie nicht Vorfahren hat, die im Lager umkamen, deren Bewohner mit der Geschichte leben und trotz allem sagen, dass das Leben weitergehen muss. Eine Stadt, die sich trotz ihrer Vergangenheit weiterentwickelt hat. Auf der anderen Seite aber haben sie das gesehen, was man mit Auschwitz verbindet: Bilder, die sie nie wieder vergessen werden, wie Julia betonte. Und auch in die Gegenwart haben sie etwas mitgenommen. „Ich gehe davon aus, dass sie auf Sprüche wie, Deutschland den Deutschen, zukünftig anders reagieren werden“, so Pastor Große. Und Bente weist auf die Wichtigkeit von beispielsweise Anti-Pegida-Demonstrationen hin. Ihr persönliches Fazit der Reise: „Man muss den Anfängen, die so etwas entstehen lassen, sofort wehren“.

Es war für alle keine leichte Reise, aber sie sind froh, sie gemacht zu haben. Viola Johannsen sagte: „Wer die deutsche Geschichte begreifen will, sollte nach Auschwitz fahren“. Die Jugendlichen haben die deutsche Geschichte begriffen – und das ist gut für die Zukunft.

 

 

>Ein Bericht der Reise ist ab Montag unter www.kirche-altenholz.de zu lesen.


 

 

 

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