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Eckernförder Zeitung

23. Oktober 2017 | 21:23 Uhr

Ein Schlüsselerlebnis

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

von
erstellt am 12.Apr.2017 | 18:48 Uhr

Die Welt ist schlecht: Ein gängiges Werturteil wie auch geläufiges Vorurteil. So ernüchternd diese Erkenntnis auch sein mag, die Faszination des Bösen löst dennoch und eigenartigerweise Nervenkitzel aus, allerdings nur solange wie man das üble Treiben aus sicherer Distanz auf dem Bildschirm, im Roman oder auf der Bühne verfolgen kann. Die genossene Faszination schlägt jedoch in fassungsloses Entsetzen um, wenn man selbst betroffen ist. Dann erst entwickelt eine Straftat ihre verletzende Wucht; von den materiellen Schäden ganz abgesehen.

Soviel zum Hintergrund der nun folgenden Begebenheit, deren Hergang anmutet, als sei er frei erfunden, ist er aber nicht. Alles begann sehr unaufgeregt, fast langweilig.

Eine Arztpraxis. Nicht hier. Anderswo. Gegen Ende der Sprechstunde leert sich das Wartezimmer. Nur noch Pärchen und mein Bekannter warten. Er ist an der Reihe. Das Arztgespräch dauert nicht lange. Danach zieht er seine Jacke an und stellt beim Griff in die Seitentasche fest, dass sein Schlüsselbund fehlt mit Haustürschlüssel und dem Schlüssel zu seinem Firmenwagen. Es fehlt aber auch das Pärchen. Beim Arzt sind sie jedenfalls nicht. Die Arzthelferin beteuert, ihr sei nichts aufgefallen außer, dass das Paar einfach fortgegangen sei. Der Bekannte will die Polizei verständigen und bittet die Arzthelferin um die Adresse des Pärchens. Doch die weigert sich, deren Namen wie Anschrift aus Datenschutzgründen zu nennen.

Der Bekannte wartet inzwischen am Parkplatz in der Nähe der Praxis auf die Polizei. Seine Gedanken kreisen gedankenverloren wieder und wieder um das Geschehene, als er, eher unterbewusst, ganz in der Nähe das typische Klicken vernimmt, mit dem eine Wagentür geöffnet wird. Erst beachtet er es zunächst nicht. Warum auch. Dann aber sieht er, dass es gerade sein Wagen ist, der geöffnet wird. Das reißt ihn abrupt aus seiner Gedankenwelt, denn davor steht ausgerechnet jenes Pärchen aus dem Wartezimmer, bereit, sich mit seinem Wagen davonzumachen. Es reagiert völlig verblüfft als der Bekannte vor ihnen steht. Der Mann, ein Schrank von Kerl, dem Bekannten körperlich weit überlegen, weigert sich das Schlüsselbund herauszugeben. Noch ehe ein Wort das andere ergibt sucht das Pärchen urplötzlich, im sprichwörtlichen Sinne, das Weite – ohne Wagen zwar, aber mit dem Schlüsselbund.

Die Polizeistreife trifft ein. Der Arzt gibt Auskunft über das Pärchen. Es sind Deutsche mit festem Wohnsitz. Sie wohnen in eher bescheidenen Verhältnissen. Von der Polizei nach dem Vorfall befragt, weisen sie jegliche Beschuldigung mit diesem Zusammenhang von sich. Der Fall wird unter diesen Umständen vor einem Gericht verhandelt werden müssen. Wer Gerichtsverhandlungen kennt, weiß wie skrupellos dort bisweilen Unwahres solange behauptet wird bis der Beweis des Gegenteils erbracht ist. Ich wünsche meinem Bekannten ein gerechtes Urteil.

Unabhängig davon kann er bis heute das Geschehene nicht einfach beiseite schieben. Die Wucht des Bösen treibt ihn um.



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