Ein Schauspieler - zwei Leben

Harald Burmeister als Handkes Mutter mit Perlenkette und Ohrclips.  Foto: Klatt
Harald Burmeister als Handkes Mutter mit Perlenkette und Ohrclips. Foto: Klatt

Der aus Eckernförde stammende Schauspieler Harald Burmeister gastierte mit einer Erzählung von Peter Handke im "Haus" an der Reeperbahn.

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19. Januar 2009, 08:51 Uhr

Eckernförde | Der Kinosaal im "Haus" war am Sonnabend voll besetzt, als das Licht ausging. Zithermusik ertönte: Es erschien Peter Handke, nein es erschien der in Eckernförde geborene Schauspieler Harald Burmeister als Peter Handke. Ein hellbrauner Anzug mit Trauerflor, zwei Stühle, ein Tisch, darauf zwei altmodische Kaffeegedecke, dazu ein Grammophon. Mit Lichteffekten spielend sowie mit Musikeinblendungen und einem eingespielten Text der Mutter aus dem Hintergrund erzählte Harald Burmeister szenisch die Auseinandersetzung des österreichischen Autors Handke (Jahrgang 1942) mit dem Selbstmord seiner 51-jährigen Mutter im Jahr 1971.

Der Tisch auf der Bühne bildete den Mittelpunkt der Handlung, links zeigte sich Burmeister mit weißer Damenbluse, Perlenkette und Ohrclips als Mutter, rechts als junger aufstrebender und weltgewandter Autor Handke mit Hornbrille, der zur Musik von Elvis Presley eine kesse Sohle aufs Parkett legte. Dazwischen sinnierte Burmeister als Handke über den Tod und versuchte, sich ein Bild von seiner ihm fremd gewordenen Mutter zu machen.

Da er damit Schwierigkeiten hatte, verlor er sich zur eigenen Verlegenheit allmählich in situationsbedingter Langeweile und beschloss seinerzeit im realen Leben, eine Woche nach dem Tod der Mutter ihre Biographie unter dem Titel "Wunschloses Unglück" zu beginnen, die der Schriftsteller im Februar 1972 beendete. In dieser Begegnung mit einer Frau, die verzweifelt versuchte, ihrem trostlosen Alltag zu entfliehen, die ihrer einzigen großen Liebe ein Leben lang nachtrauerte und sich trotz aller Bemühungen nie wirklich emanzipieren konnte, gibt Handke ganz private Empfindungen preis.

Burmeister verstand es meisterhaft, dies im szenischen Wechsel zwischen der mitunter mit gewollter Naivität leicht lasziv dargestellten Mutter und dem lässig anmutenden Sohn umzusetzen. Das Publikum im Kinosaal war ergriffen von der spröden Situation, fühlte mit der einsamen Frau, die zu Greta-Keller-Musik mit sich allein tanzte und von längst vergangenen Zeiten schwärmte, sich nach einem besseren Leben, dabei zugleich nach dem erlösenden Tod sehnend. Andererseits graute der Frau, die 100 Schlaftabletten genommen hatte, um ihrem Leben ein Ende zu setzen, vor dem Tod. Ihr Streben, aus dem ärmlichen Milieu zu entrinnen, blieb bis zum Ende ein schier unerfüllter Wunsch und damit auch ihr ganz persönliches Unglück. Burmeister, der als der fremdelnde Sohn mit Tränen in den Augen diese Wahrheit erkannte, blieb nur das fassungslose Fazit: "Das wars".

Mit dieser biographischen Erzählung Handkes feierte Harald Burmeister unter der Regie von Dieter Seidel im März 2008 im Hamburger NN.Theater Premiere. Weitere Aufführungen sind im Februar in Hamburg geplant. Das Eckernförder Publikum hatte der Performance regungslos, ja beinahe erstarrt, beigewohnt und spendete am Ende minutenlangen Beifall.

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