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Eckernförder Zeitung

11. Dezember 2017 | 12:47 Uhr

Erfinderisch : Ein Rollstuhl für alle Fälle

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Werner Huß hat einen eigenen Strandrollstuhl für seine Frau Bettina gebaut. Spaziergängen am Strand steht jetzt nichts mehr im Weg.

shz.de von
erstellt am 08.Apr.2015 | 06:13 Uhr

Eckernförde | Den Menschen zieht es ans Wasser – auch Bettina (52)und Werner (62) Huß. Seit dreieinhalb Jahren wohnt das Ehepaar in Eckernförde, genießt die Nähe zum Meer. Doch ein Problem blieb bislang: Bettina Huß ist wegen ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen. An der Strandpromenade war für sie und ihren Mann immer Schluss. Doch dann spuckte ihr Mann in die Hände und baute einen eigenen Strandrollstuhl – ein Vorhaben, das Nachahmer finden könnte.

Es war der Sommer 2014, als es Werner Huß reichte: „Auch ich will am Wasser spazieren gehen“, sagte er sich und zog seine Frau mit dem Rollstuhl auf den Sand. Das Ziel: ein breites Stück am Ufersaum, das von Seegras überzogen war. „Ich hoffte, dass wir dort festeren Untergrund haben würden“, so Werner Huß. Doch Fehlanzeige – der Rollstuhl versank im Seegras, versank im Sand. Nachdem er seine Frau wieder auf der festen Strandpromenade hatte, musste er erst einmal verschnaufen. Zu anstrengend war das Ziehen und Zerren, das Heben und Hieven.

Das war der Moment, in dem der Ehrgeiz des ehemaligen Piloten geweckt wurde. Hinzu kommt, dass die Eckernförde Touristik und Marketing Gesellschaft in dieser Zeit einen Elektro-Rollstuhl für den Strandbesuch anbot, der aber kaum Nutzer fand. Da wuchs in Werner Huß die Idee, einen eigenen Strandrolli zu bauen.

Gesagt getan. Schnell kam er darauf, dass die Firma Cadweazle Umbausätze für Rollstühle anbietet, doch die waren Werner Huß nicht ausgefeilt genug. „Ich wollte eine Bremse mit einbauen“, erklärt er. „Damit der Rollstuhl auf unebenem Gelände nicht wegrollen kann. Die fehlt nämlich bei dem Umbausatz.“

Er kaufte alle Teile, darunter die wichtigsten: Dicke Niederdruckreifen aus Gummi mit Kunststofffelgen. Er baute die Trommelbremsen aus herkömmlichen Rollstuhlrädern aus, modifizierte und übertrug sie auf die neuen Reifen. Hilfe holte er sich bei den schwierigen Arbeiten in einer Dreherei. Die Hinterreifen brachte er nach einem Steckprinzip an. Und auch die Vorderreifen musste er anpassen, die Gabel verbreitern lassen. Insgesamt kostete die Modifikation des für 85 Euro bei Ebay ersteigerten Rollstuhls 600 Euro.

Dafür hat das Ehepaar Huß nun einen Rollstuhl, mit dem es bis an die Wasserkante fahren kann. „Im tiefen Sand muss ich den Rollstuhl ein wenig ankippen, wenn ich meine Frau schiebe“, erklärt Werner Huß. Doch einmal auf dem festen Sand am Spülsaum, geschieht das Schieben problemlos.

„Es ist gewöhnungsbedürftig“, sagt Bettina Huß über das neue federnde Gefühl. „Man kommt sich vor, als würde man auf einem Luftballon sitzen.“ In der Fußgängerzone mit ihrer wechselnden Pflasterung sei das aber angenehm. Das Wichtigste aber bleibt: „Wir sind nicht auf die Strandpromenade begrenzt, sondern können auch bis ans Wasser fahren.“ Einziger Nachteil: Durch die breiten Reifen passt der Rollstuhl nicht mehr durch die üblichen Toilettentüren. Deshalb hat Werner Huß hinter der Rückenlehne immer einen normalen Reifen angehängt, um schnell zumindest einen Reifen wechseln zu können und damit die Breite des Rollstuhls zu verringern.

Werner Huß steckt seit vergangenem Jahr fest im Thema „Strandrollstuhl“. „Wer auf die Bremse keinen Wert legt, dem kann ich den Umbausatz von Cadweazle empfehlen“, sagt der Mann, der sich auch im Vorstand des Beirats für Menschen mit Behinderung engagiert. Wer allerdings – wie er – weitergehende Vorstellungen hat, dem würde Huß mit Tipps und Tricks zur Seite stehen. „Ich möchte den Rollstuhl jetzt aber nicht in Kleinserie herstellen. Dazu fehlt mir die Zeit.“

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