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Ein Weltenbummler unterwegs : Ein „Nordlicht“ unter dem Nordlicht

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Harald Gross aus Borby erlebt in der Wildnis Alaskas faszinierende Himmelsschauspiele und trifft auf eine japanische Hochzeitsgesellschaft. Gross durchstreift die Wildnis des Yukon-Territory mit einem Hundeschlitten. Die Vierbeiner sind seine engsten Gefährten.

Es ist schon etwas verrückt – da liege ich nun rücklings auf dem Eis irgend eines namenlosen Sees inmitten der atemberaubenden Landschaft des Yukon Territories. Es ist 23 Uhr und etwas kalt, das Thermometer zeigt „milde“25 Grad minus, aber ich kann mich einfach nicht lösen von dem, was sich derzeit über mir am Himmel abspielt. Das Schauspiel Nordlicht hält mich fest in seinem Bann. Johnny Cash schrieb in der 50er Jahren ein Lied mit dem Titel„Fourty shades of Green“ und genau das spielt sich derzeit am Himmel ab. Über mir wabern grüne, fein in sich abgestufte Lichtschwaden, gruppieren sich zu einer neuen Choreografie und bilden immer wieder neue, beeindruckende Bildkompositionen am Nachhimmel. Die Inuit hatten dafür den Begriff „Arsanerit“ – Ballspiel der Toten. Sie glaubten, ihre Ahnen spielten am Himmel mit einem Walrossschädel Ball.

Die Wissenschaft hat jedoch eine nüchterne Erklärung dafür. Beim Polarlicht Aurea Borealis handelt es sich um Lichterscheinungen die beim auftreffen geladener Teilchen des Sonnenwindes auf die Erdatmosphäre entstehen. Sie treten hauptsächlich in den Polarregionen auf und können verschiedene Farbschattierungen, von Gelb, Grün über Violett bis Rot haben.

Inzwischen ist die Temperatur noch etwas weiter gesunken und ich beschließe, meinen Logenplatz zu verlassen und zu den Hunden in das Basislager zurückzukehren um mich für den Rest der Nacht einzurichten. Das Eis unter meinen Füssen knirscht auf dem Rückweg und in regelmäßigen Abständen donnern die Wellen von unten gegen das ca.1,2 Meter dicke Eis. Ja, es ist wirklich 1,20 Meter dick. Die Stärke der Eisschicht lerne ich jeden Tag erneut kennen, wenn ich an irgendeinem neuen See ein Loch ins Eis bohren muss, um unsere Huskies zu versorgen.

Wir, mein Freund Moritz und ich, sind inzwischen seit einigen Wochen mit zwei Hundeschlittengespannen und 16 Alaska Huskies im „Last Frontier“ am Ende der besiedelten Welt, wie das Yukongebiet auch genannt wird, unterwegs. Wir hatten während der Reise bereits eine Begegnung mit einem Wolf, der dem Schlitten über eine Strecke von 20 Meilen immer in einem Abstand von 20 bis100 Metern folgte und einem Bären, der zu früh aus dem Winterschlaf erwacht war. Aber Menschen haben wir kaum getroffen, bis auf ... aber von Anfang an.

Es war vor einigen Tagen ... auf ein Zusammentreffen mit Bär, Wolf oder Elch wären wir einigermaßen vorbereitet gewesen, wenn man dieses einsame Gebiet bereist. Aber auf Japaner war ich nun nicht gefasst. Izuko und Hachiko so stellten sie sich mir vor. Die beiden jungen Leute waren hier auf Hochzeitsreise, zusammen mit einem Tross bestehend aus Eltern, Schwiegereltern und einigen Freunden. Auf meine Erstaunte Frage, warum denn ausgerechnet Yukon und 25 Grad Kälte, folgte die einfache Erklärung: „Wir sind wegen des Nordlichtes hier und haben unsere Hochzeitstermin auch extra so eingerichtet". Japaner, so erklärten sie mir, haben ein besonders Verhältnis zum Nordlicht. Sie glauben an dessen mythische Kraft, besonders im Hinblick auf die Zeugung ihrer Nachkommen. Unter dem Nordlicht gezeugte Kinder verfügen ihrer Meinung nach über besondere Talente und Gaben. „Na, denn viel Spaß, aber doch wohl nicht unbedingt im Freien“? Hachiko lacht: „Nein! Wir wohnen in einem kleinen Hotel in Dawson City“. In den nächsten Tagen, jedes Mal, wenn ich in den Abendhimmel blickte, musste ich an die beiden netten Japaner denken.

Inzwischen, wieder im Lager angekommen, wärme ich mich etwas am Feuer auf. Die Hunde liegen satt und zufrieden eingerollt auf ihrem Bett aus Tannenreisig. Ich fühle eine starke Verbundenheit mit meinen vierbeinigen Freunden. Wir sind inzwischen ein zusammengewachsenes Team und meine größte Sorge ist, dass einer der Hunde sich verletzen oder krank werden könnte. Bis auf eine wunde Stelle bei „Nelly" gab es bisher keine Verletzungen. Nelly hatte sich durch Eiskristalle zwischen den Zehen wund gelaufen. Mit einer Heilsalbe und „Booties" (kleine Stoffschuhe) und natürlich vielen Streicheleinheiten war die Sache dann auch wieder in Ordnung gebracht und Nelly durfte den Rest des Tages auf dem Schlitten mitfahren. Und das kleine Schlitzohr lernte schnell. Jedesmal, wenn sie vom Schlitten sollte, humpelte sie demonstrativ mit einem Blick, als ob sie jeden Moment sterben müsste.

Ja, Musher, wie die Hundeschlittenführer genannt werden, bedeutet nicht, sich von den Hunden durch die Landschaft kutschieren zu lassen. Musher sein, heißt als Team mit seinen Hunden gemeinsam ein Ziel erreichen, heißt, bei Steigungen neben dem Schlitten herzulaufen, mit zu schieben, die Hunde zu entlasten, mögliche Gefahrenstellen einzuschätzen, die Zeichen seiner Hunde lesen zu lernen, sich um das leibliche und seelische Wohl der vierbeinigen Freunde zu Sorgen. Kurz gesagt, er ist ein zweibeiniges Teammitglied.

Ein letzter Blick noch auf den See, ob keine Kojoten herumschleichen und dann mache ich mir, wie an den meisten Tagen, mein Nachtlager auf dem Schlitten zurecht. Hoffentlich wird's nicht noch kälter,denn zum Zeltaufbau hatten wir heute keine Lust mehr. Noch etwas Schlaf und morgen geht es wieder weiter zur nächsten Etappe unserer Reise. Und wenn ich so zu meinen Huskyfreunden hinübersehe und ihre zufriedenen Mienen richtig deute, ich glaube Nelly träumt bereits wieder vom Schlitten.




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erstellt am 06.Okt.2014 | 06:45 Uhr

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