Ein Lob meiner Hausbank

Mögen Stier und Bär um die Vorherrschaft an den „Märkten“ ringen – die Hausbank bietet Muße und Entspannung.
Foto:
1 von 2
Mögen Stier und Bär um die Vorherrschaft an den „Märkten“ ringen – die Hausbank bietet Muße und Entspannung.

Im Garten sitzend das Leben genießen – die Hausbank sorgt für Entspannung im oftmals hektischen Alltag

shz.de von
02. Januar 2018, 06:21 Uhr

Meine Hausbank überstand unbeschädigt die Bankenkrise. Sie ist nicht groß und schon immer in privater Hand, stabil und Vertrauen einflößend. Dax und Dow Jones können ihr nichts anhaben. Meine Hausbank sichert mir, was eine gute Bank eben sollte, einen Platz an der Sonne. Selbst in Krisenzeiten finde ich hier einen geschützten Platz, finde ich Lösungen. Täglich beobachte ich von ihr aus weder die „Märkte“ noch Zinssätze. Ein Haus zu besitzen, das erlebe ich hier, muss nicht zu einer Belastung werden. Und das rege Leben um mich hat nichts mit dem hektischen Treiben an der Börse zu tun. Meine Hausbank ist für mich da und stellt keine Forderungen. Sie belastete mich nicht, sondern trägt mich.

Das Wort „Bank“ kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet Erhöhung. Wenn ich meine Bank ins Plural setze, wird klar, worüber ich schreibe – hätte ich zwei, dann wären es Bänke. Meine Hausbank ist aus Holz und ein Geschenk von meinem Mann. Sitze ich hier, fühle ich mich nicht erhöht, im Gegenteil, ich bin mitten im Leben. Das Wachsen um mich herum ist abhängig von den Gegebenheiten der Jahreszeiten. Ich bin Teil des lebendigen Kosmos.

Auf meiner Hausbank sitzend, spüre ich dankbar die Fülle, in der ich lebe. Von ihr aus begrüße ich den Tag, am liebsten bei Sonnenschein. Im Frühsommer in einer Lavendelduftwolke, über mir die blühende Ramblerrose. Mit meiner Milchkaffeetasse in der Hand, träume ich mich in die Provence. Eifrige Hummeln begleiten mit ihrem Summen meine Gedanken. Ich genieße die Muße und beobachte die Akrobatik der Schnecken. Dass diese, trotz der Last ihres Hauses, sehr beweglich sein können, regt mich zu philosophischen Betrachtungen an – über mich und das Leben im Allgemeinen. Das Weltgeschehen inbegriffen.

Blüht später der Sommerflieder, kommen die, auf die ich mich schon monatelang freue: Schmetterlinge. Eine Metapher besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien als Tornado in Texas enden könnte.
Schon die kleinste Änderung meiner Verhaltensweise hat auch für meine Umgebung Folgen, im Guten wie im Schlechten. Das ist meine Erfahrung, das kann ich bestätigen.

Mir ist klar, die Diktatur der „Märkte“, genauer gesagt, die Gier derer, die sie lenken, hat weitreichende Auswirkungen. Auch auf meine Lebensbedingungen. Je mehr Nullen eine Zahl vor dem Komma hat, desto abstrakter wird sie für mich. Bankgeschäfte und Börsenkurse, Derivate und Optionen sind mir ein Rätsel. Mich ihrem Diktat zu unterwerfen heißt, mich mehr und mehr von dem, was Leben bedeutet, zu entfernen.

Ich habe die Freiheit, mich diesem Wahnsinn, da wo es möglich ist, zu verweigern. Ich kann mich entscheiden zwischen „Sein“ und „Immer-mehr-Haben-wollen“. Das, was mein Leben reich macht, ist nicht käuflich. Es sind Geschenke des Lebens. So, wie das Leben ein Geschenk ist. So, wie meine Hausbank ein Geschenk ist.

Im Herbst werden die Momente auf meiner Hausbank seltener und im einsetzenden Winter vermutlich ganz aufhören. Ich bin sicher, sie wird den Herbststürmen standhalten. Und im kommenden Jahr aufs Neue mein bevorzugter Platz in der Morgensonne sein.


zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen