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Eckernförder Zeitung

23. Oktober 2017 | 23:17 Uhr

Ein Lied macht Geschichte lebendig

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

„Auf de schwäb’sche Eisebahne“ – eine geschichtlich-gesellschaftliche Betrachtung

von
erstellt am 02.Sep.2015 | 17:08 Uhr

„Auf de schwäb’sche Eisebahne, gibt es viele Haltstatione, Stuagert, Ulm und Biberach, Meckebeura, Durlesbach...“ – dieses Lied ist fast ein deutsches Volkslied geworden. Für die Schwaben ist es geradezu eine Hymne. Aber auch in anderen Teilen Deutschlands ist die eingängige Melodie mit dem einprägsamen Refrain „Trulla, Trulla, Trullala“ nicht unbekannt.

Die Vorzüge der schwäbischen Eisenbahn werden hier gerühmt, wie zum Beispiel: „Auf de schwäb’sche Eisenbahne, dürfet Küh und Ochse fahre, Buebe, Mädle, Weib ond Ma, ond der wos verzahla ka.“ Auf der anderen Seite verdeutlicht die im weiteren Verlauf des Liedes erzählte Geschichte die Unsicherheit, insbesondere der Landbevölkerung, im Umgang mit dem neuen Verkehrsmittel. Der Bauer, der seinen Geißbock hinten an den Waggon bindet, findet nach der Fahrt nur noch Kopf und Seil wieder. Man vermutet, dass die Autoren des Liedes Tübinger Studenten waren, die sich über die einfachen Bürger lustig machten, die mit dem technischen Fortschritt ihre Probleme hatten.

Die „Königlich Württembergische Staatseisenbahn“ wurde im Volksmund „Schwäbische Eisenbahn“ genannt. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung hatte sich Reisen mit der Postkutsche leisten können. Die Eisenbahn wurde jedoch zum preisgünstigen Verkehrsmittel für alle Schichten. Die Einführung der Eisenbahn in Württemberg Mitte des 19. Jahrhunderts war als Infrastrukturmaßnahme zur besseren Erschließung des Landes sehr weitsichtig, aber für die Bevölkerung zunächst noch gewöhnungsbedürftig.

Gegen die neue Verkehrstechnik waren zunächst nicht nur die Kutscher und Fuhrleute sowie die Gastwirte entlang der Fernstraßen, die ihre Existenz bedroht sahen. In Oberschwaben wandte sich auch die katholische Kirche gegen das neue Transportmittel. Sie befürchtete, dass dadurch Menschen ins Land kommen, die die Moral der Bevölkerung beeinträchtigen und eine Überfremdung die Folge sein könnte. Auch der Adel war zum Teil dagegen. Er sah durch diese Art der Beförderung eine Verwischung der gesellschaftlichen Schranken. In der ersten Klasse musste er zusammen mit dem wirtschaftlich erfolgreichen Bürgertum reisen und kam auch nicht früher an als die Mitreisenden der zweiten und dritten Klasse.

Der im Verlauf des Liedes erwähnte Conducteur, heute würde man im Volksmund Schaffner sagen, war damals eine Respektsperson, der man zu gehorchen hatte. Als Mitarbeiter der Bahn war er privilegiert, denn er war Beamter.

Heute ist die Bahn längst nicht mehr unser einziges modernes Verkehrsmittel. Sie steht in harter Konkurrenz zum Automobil, Bus und zum Flugzeug. Das Lied über die schwäbische Eisenbahn macht auf heitere Art Geschichte lebendig. Eine Ausstellung zu diesem Thema im letzten Jahr in Biberach hat mich zu dieser Betrachtung angeregt.


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