Ein Leben, das als wertlos galt

Horst Illiger hat die Lebensgeschichte von Fritz Niemand in einem Buch verfasst.   Foto: hehnen
Horst Illiger hat die Lebensgeschichte von Fritz Niemand in einem Buch verfasst. Foto: hehnen

Buchtipp: Fritz Niemand gehört im Dritten Reich zum "lebensunwürdigen Leben", überlebt aber Heilanstalt und Zwangsarbeit und wird 96 Jahre alt

shz.de von
17. Dezember 2012, 03:59 Uhr

Rendsburg | Ihm wurde gesagt, sein Leben sei unwürdig. Er sei psychisch krank, schizophren, gemeingefährlich. Er sollte getötet werden. Aber Fritz Niemand überlebte. Er wurde 96 Jahre alt. Vor kurzem verstarb er in Rendsburg.

Fritz Niemand, geboren am 16. Dezember 1915 in Kiel, lebte mit seiner Mutter und zwei jüngeren Schwestern in Rendsburg. Der Vater war 1918 im Ersten Weltkrieg in einem U-Boot ums Leben gekommen. Dies führte zu erheblichen Belastungen für Mutter und Kinder. Der Besuch der Schule war für Fritz Niemand mit Angst verbunden, die sich vor allem darin zeigte, dass er stotterte. Die letzten Schuljahre verbrachte er auf der Christian-Timm-Schule. Danach begann er eine kaufmännische Lehre, die er abbrach. Fritz Niemand wechselte zur Handelsmarine, hörte dort aber wieder auf, weil ihn die Arbeit körperlich und seelisch erschöpfte. In einem Interview, das für den Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften der Fern-Uni Hagen 1994 aufgezeichnet wurde, beschrieb er seine Lage als depressiv und schwermütig. Er wechselt zur Reichsmarine und wird später als dienstunfähig nach Hause zu seiner Mutter entlassen. Eine NS-Fürsorgerin entscheidet dann, dass Fritz Niemand gegen seinen Willen in die Heil- und Pflegeanstalt Schleswig-Stadtfeld eingewiesen wird. Als "Vergewaltigung schlimmster Art" und als "Angriff auf sein Leben" empfindet er diese Zeit. Viereinhalb Jahre bleibt er in der Anstalt. Seine Mutter versucht ihn immer wieder nach Hause zu holen, ohne Erfolg. 1936 wird der junge Mann zwangssterilisiert - auf Grundlage des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1934. Nachdem die Mutter 1940 von Morden an Kranken erfährt, holt sie ihren Sohn aus der Anstalt. Fritz Niemand lebt fortan als Mensch zweiter Klasse in Rendsburg. Ihm wird gesagt, dass er nach der NS-Ideologie zum lebensunwürdigen Leben gehört.

Er kommt in die Vernichtungsanstalt Meseritz-Obrawalde. Täglich werden dort Menschen mit Hilfe von "Todesspritzen" umgebracht. Fritz Niemand leistet dort Zwangsarbeit, hungert. Dank wiederholter Unterstützung durch eine Diakonisse übersteht er das Lager. Am Ende des Krieges flüchtet er nach Rendsburg. 1947 stellt er den ersten Antrag auf Anerkennung als Verfolgter des Nazi-Regimes. Er wird abgelehnt. Es habe sich nichts geändert. So empfand Fritz Niemand damals die Situation. Doch er rang weiter um sein Recht. 1981 starb seine Mutter. Bis dahin hatte er nicht über das Erlebte, seine Geschichte, gesprochen. "Sprich nicht drüber", hatte seine Mutter ihm geraten. Doch nach ihrem Tod befreite er sich. Er sprach in der Öffentlichkeit über seine Geschichte - vor Schülern, Politikern und vielen anderen. 2004 entstand das Buch "Sprich nicht drüber! Der Lebensweg von Fritz Niemand" des Autors Horst Illiger. "Das Leben an sich ist unzerstörbar", sagte er in dem Interview der Fern-Uni Hagen. Die Zwangssterilisation habe daran bei ihm nichts geändert. Mit Leid müsse man leben. "Im Leid liegt auch Leben und Positives." Wichtig war ihm, dass die Geschichte, und damit auch seine Geschichte, nicht vergessen und verdrängt wird. "Wir müssen uns der Geschichte stellen" war seine Devise.

32 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland gewährte der Staat Fritz Niemand "ohne Anerkennung einer Rechtsverpflichtung" eine Entschädigung von 5000 DM. Beruflich fasste er Fuß in der Verwaltung des Kirchenkreises Rendsburg. Von 1968 bis 1980 arbeitete er dort. Und lange sang er im Chor der Kirchengemeinde St. Marien. Seine Großmutter führte ihn zur Kirche und zum Glauben. Gottes Herrlichkeit könne ihm niemand nehmen. Davon war Fritz Niemand zutiefst überzeugt. Dieser Artikel soll an ihn erinnern und an alle anderen Menschen, die Opfer des NS-Regimes wurden.

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