Eckernförde : Ein Kriegserlebnis, das verbindet

Alte Unterlagen sollen den Erinnerungen auf die Sprünge helfen: Norma Anderson (l.) und Cäcilie Dronske bei der Spurensuche. Foto: Peters
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Alte Unterlagen sollen den Erinnerungen auf die Sprünge helfen: Norma Anderson (l.) und Cäcilie Dronske bei der Spurensuche. Foto: Peters

Tamara Aksjonowa lebte während des Zweiten Weltkriegs als Flüchtlingskind in Eckernförde. Heute ist die 75-Jährige auf der Suche nach ihrer verlorenen Kindheit.

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02. August 2012, 09:12 Uhr

Eckernförde | Ihre Vergangenheit lässt sie nicht los: Tamara Aksjonowa aus Alutscha/Krim hat in den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkriegs als weißrussisches Flüchtlingskind in Eckernförde gelebt. Ihre Mutter hatte bei einem Luftangriff ihr Leben verloren, ihr Vater wurde mit Tamara und ihrem älteren Bruder nach Eckernförde verschleppt, wo er als Zwangsarbeiter bei der Torpedoversuchsanstalt (TVA) verdingt wurde. Als auch er im April 1945 starb, kamen die Kinder in ein Waisenhaus im Pastorengang, dem heutigen Waldorfkindergarten. Nach Kriegsende konnten sie noch im selben Jahr wieder in ihre Heimat reisen.
Tamara Aksjonowa ist heute 75 Jahre alt und auf der Suche nach ihrer verlorenen Kindheit. Die Erinnerungen sind verblasst, zweimal schon ist sie in den vergangenen Jahren nach Eckernförde gereist und hat mit Hilfe der Heimatgemeinschaft nach Spuren geforscht - unter anderem hat sie das Grab ihres Vaters gefunden.
Nach 70 Jahren schließt sich der Kreis
Bei ihrem Besuch vor zwei Wochen erzählte sie, dass sie sich noch gut an ein Ereignis erinnern könne: Eines Tages hat ihr eine Frau aus dem Vogelsang ein geblümtes Kleid geschenkt und ihre langen, verfilzten Harre gekämmt und geschnitten. Das Kleid hat sie stets in Ehren gehalten. Als Norma Anderson aus der Norderstraße diese Episode in der Eckernförder Zeitung las (siehe EZ vom 17. Juli), konnte sie es kaum fassen: Diese Frau war sie.
Fast 70 Jahre nach diesem Ereignis schließt sich der Kreis: "Ich habe mich in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder gefragt, was wohl aus dem kleinen Mädchen geworden ist, dem ich das Kleid gegeben habe", sagt Norma Anderson. Jetzt weiß sie es.
"Mit denen durften wir nicht reden"
Norma Anderson hat in ihrer Kindheit und Jugend in Kiel gelebt, war zur besagten Zeit ungefähr 14 Jahre alt. "Wir waren oft ausgebombt und zogen dann für einige Wochen zu unserer Oma in die Mühlenstraße nach Eckernförde", erzählt sie. "Während eines Aufenthalts stand jeden Tag ein kleines Mädchen auf der anderen Straßenseite - einfach so." Deutlich war zu erkennen, dass es das Kind eines Zwangsarbeiters war. "Mit denen durften wir nicht reden", so Norma Anderson. "Das war verboten, denn die Russen wurden ja als unsere Feinde deklariert." Dennoch hat ihre Mutter sie immer wieder losgeschickt, um dem Mädchen etwas zu essen zu bringen. Eines Tages dann brachte Norma Anderson dem kleinen Mädchen auch ein geblümtes Kleid, aus dem sie herausgewachsen war. "Diese Dankbarkeit in den Augen sehe ich heute noch", sagt sie. "Aber erst jetzt empfinde ich, was es für sie bedeutet haben muss."
In Tamara Aksjonowas Erinnerungen war es eine Frau aus dem Vogelsang, die ihr das Kleid schenkte. "Ich bin einmal mit meiner Mutter durch den Vogelsang gegangen, da kam uns das Mädchen mit einer anderen Frau entgegen", weiß Norma Anderson noch. "Da hat das Mädchen die Frau angestupst und mit dem Finger auf ihr Kleid und auf uns gezeigt." Von einem Haarschnitt weiß die Eckernförderin allerdings nichts.
"Für mich wäre ein Wiedersehen wunderbar"
Warum das Mädchen immer in der Mühlenstraße stand, weiß niemand so genau. Stadtführerin Cäcilie Dronske - bestens vertraut mit der Geschichte Eckernfördes - vermutet, dass es auf seinen Vater gewartet hat. Die Arbeiter wurden damals oft mit dem Boot zur TVA gebracht. "Und einen Anlegesteg gab es damals auf Höhe der heutigen Stadthalle am Strand."
Die Erinnerungen der beiden Kriegskinder unterscheiden sich, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass die Ereignisse fast 70 Jahre zurückliegen und Tamara damals erst ungefähr sieben Jahre alt war. "Aber es ist wohl unwahrscheinlich, dass zwei russische Mädchen damals von einer fremden Frau geblümte Kleider geschenkt bekommen haben", sagt Norma Anderson. Sie will nun Kontakt zu Tamara Aksjonowa aufnehmen. Vielleicht kommt sie ja mal wieder zu Besuch. Norma Anderson: "Für mich wäre ein Wiedersehen wunderbar."
Wer noch Erinnerungen an die Zeit hat und helfen möchte, kann sich unter Telefon 04351/5419 an Cäcilie Dronske wenden.

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