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Heimatgemeinschaft : Ein Jahrbuch im Zeichen der Kriege

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die größte Heimatgemeinschaft des Landes hat ihr 72. Jahrbuch vor großem Publikum im Carls vorgestellt. Auf über 400 Seiten beleuchten 40 Autoren das historische und aktuelle Geschehen in der Region. Die Jahrbücher werden in den nächsten Tagen verteilt.

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erstellt am 15.Nov.2014 | 06:09 Uhr

Das 72. Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde - Schwansen - Hütten - Dänischer Wohld steht ganz im Zeichen der Erinnerung und Aufarbeitung dramatischer und schrecklicher Ereignisse. Vor 150 Jahren erreichte der deutsch-dänische Krieg mit der blutigen Schlacht bei Missunde ihren Höhepunkt in der Region, vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg mit vielen Opfern auch im Norden, und vor 75 Jahren – als hätte die Menschheit nichts gelernt – entfachte Hitler-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Regionale Sichtweisen auf diese weltbewegenden Ereignisse prägen weite Teile der Textsammlung, die wieder einmal die 400-Seiten-Marke überschreitet und dabei Quantität und Qualität vereint.

Das bewährte dreiköpfige Redaktionsteam, bestehend aus der Vorsitzenden Dr. Telse Stoy, Heide Stein und Dr. Heinrich Mehl, hat jeden einzelnen Beitrag der über 40 Autoren am Donnerstagabend im vollbesetzten Carls auf Carlshöhe vorgestellt und damit Lust aufs Lesen gemacht. Neben Stammautoren wie Edith Grünauer, die teilweise mit mehreren Beiträgen vertreten sind, bereichern gerade auch persönliche Erinnerungen oder Lebensgeschichten von Landwirts- oder Handwerkerfamilien das Jahrbuch. Erfreut stellte Telse Stoy fest, dass auch neue und jüngere Autoren vertreten sind, hauptsächlich Studierende, die an wissenschaftlichen Themen arbeiten. Wie zum Beispiel Anke Sauer, die eine Bachelorarbeit über die Muschelabfallhaufen am Windebyer Noor geschrieben hat.

Trotz des gewichtigen Schwerpunkts Krieg und Elend hat die Redaktion ein gutes Händchen bei der Auswahl lebendig geschriebener Lebenserinnerungen, Themen aus Natur und Kultur, Zeitgeschichte, Plattdeutsch und aus den gewachsenen Landschaften des Altkreises Eckernförde gehabt. Die Gliederung, Auswahl und Aufmachung des Jahrbuchs sind stimmig und gut gewählt und erschließen dem Leser viele interessante Welten, die es zu entdecken gilt. Darunter auch etliche Zeitdokumente, die vor dem Vergessen bewahrt werden, wie Stoy in ihrer Begrüßung sagte. Sie freute sich aber auch über aktuelle Themen wie den Bericht über die Breitbandversorgung im ländlichen Raum. Im Jahrbuch wird sogar mit Toten geredet: Im Plattdeutsch-Kapitel erscheint ein (fiktives) Interview mit dem 1916 gestorbenen plattdeutschen Dichter Johann Hinrich Fehrs – sehr gelungen.

Überhaupt lohnt es sich jeden Beitrag intensiv vorzunehmen. Der Leser stößt auf allerlei Interessantes, Verblüffendes, Lobenswertes. So wird anschaulich in Wort und Bild über den Einsatz von Brutflößen für Fluss-Seeschwalben auf dem Wittensee berichtet, das einzigartige Feuerwehrmuseum von Oswald Wohlfahrt in Birkenmoor porträtiert – Telse Stoy hatte sogar das erste Exponat dabei und setzte sich den Feuerwehrhelm aus dem Jahr 1952 kurzerhand auf den Kopf. Die ersten Bühnenerfahrungen des Theaterstars Gustav Gründgens im Saal des Hotels „Stadt Hamburg“ in Eckernförde werden ebenso beschrieben wie die Entwicklung von der Kleinkinderbewahranstalt über private Klipp- und Winkelschulen bis hin zur modernen Kindertagesstätte oder die Vorkommnisse im Alters- und Invalidenheim des Deutschen Flottenvereins, das seit den 1980er Jahren Zentrum der Waldorfpädagogik ist.

Die Geschichte des Schwansener Gutes Bienebek an der Schlei wird erzählt, und die Gesundheitsversorgung in Waabs von 1900 bis heute dargestellt. Kaum einer weiß, wie viele Waffen und Munition sich noch in den Sedimenten der Ostsee und Schlei befinden, das Jahrbuch liefert einen Beitrag zur Spurensuche. Gebuddelt wird auch am anderen Ufer der Bucht nahe Krusendorf an der Jellenbek, allerdings nicht nach Waffen, sondern nach den Überresten einer Kirche. Dort stand im Mittelalter die Kirche St. Catharina – ein überaus spannendes archäologisches Projekt. Sehr lesenswert ist auch der Abriss der 125-jährigen Geschichte des Gettorfer TV mit schönen historischen Fotos. Sechs sogenannte „Los-von-Dänemark“-Steine zeigen, wie heftig die Abspaltungsbestrebungen der Schleswig-Holsteiner im 19. Jahrhundert waren. Und in Louisenlund bewegt wieder einmal der berühmte Alchimistenturm und der Garten die Gemüter.

Persönliches, Wissenschaft und regionale Geschichte(n) prägen den Band. Im Verbund mit den eingestreuten Kunstwerken und Gedichten ist das Jahrbuch ein rundum gelungenes Lesebuch für lange Winterabende. Das Titelbild stammt wieder von der Eckernförder Grafikerin Katharina Mahrt, die Satztechnik lag in den bewährten Händen von Marita Klaus und Heike Klinger vom dfn-Druckhaus.

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