Theater : Ein Heuchler sorgt für Genuss

Tartuffe macht sich an Elmire ran, während ihr Mann Orgon unter dem Tisch liegt und alles mitbekommt.
Tartuffe macht sich an Elmire ran, während ihr Mann Orgon unter dem Tisch liegt und alles mitbekommt.

Das Publikum ging bei „Tartuffe“ des Münchner Sommertheaters voll mit. Es war eine hervorragende Vorstellung im Rahmen der Theatergemeinschaft.

shz.de von
22. November 2018, 19:16 Uhr

Eckernförde | Wieder einmal vor Ort: Das beliebte „Münchner Sommertheater“ gastierte auf Einladung der Eckernförder Theatergemeinschaft mit Molières „Tartuffe“ in der Stadthalle. Die jungen Schauspieler waren am Mittwoch wieder überzeugend, mit ihrer Spitzenleistung unvergesslich, und sie sorgten für einen Riesenspaß.

Von Molière (1622 - 1673) und dieser Komödie hatten wohl einige im Saal eine vage Vorstellung, aber die Schulzeit ist lange her. So war man frisch neugierig und ließ sich gerne überraschen. Und weil Ulrike Dissmann, die Regisseurin der aktuellen Inszenierung, mit Recht davon ausging, dass nicht jeder Zuschauer ausreichend fit in Französisch ist, hat sie den gesamten Originaltext in die deutsche Sprache übersetzt. Dabei ist Dissmanns Sprache so locker, lebendig und zeitgemäß, dass allein diese gereimten Textvorlagen schon ein Kunstwerk sind. Erfreulich auch , dass die Regisseurin und Intendantin junge Schauspieler um sich schart, die an jugendlicher Frische, Beweglichkeit, Ausstrahlung kaum zu überbieten sind.

Bei guter Übersetzung und bester Regie bleibt nun noch, ein Loblied auf das Können der Schauspieler zu singen: Wahnwitzige Textmengen, die so lebendig und charmant in mitreißende Handlungsabläufe umgesetzt wurden, dass es häufig und kräftig Zwischenapplaus gab.

Der Inhalt? Orgon, ein reicher Kaufmann (Mathis Manz) holt den völlig verkommenen Tartuffe (Christoph Hirschauer) aus der Gosse und in sein Haus. Tartuffe, der falsche Frömmler, wickelt mit seiner scheinheiligen Gottesfürchtigkeit den gutgläubigen Gastgeber so ein, dass ein unglaubliches Durcheinander beginnt. Tochter Mariane (Caterina Panunzio) soll nun doch nicht ihren Valère (Florian Genzken) heiraten, sondern den ekligen, abstoßenden Tartuffe. Der geht allerdings Orgons Frau Elmire an die Wäsche – und das so widerlich abstoßend, dass das Publikum hörbar mitleidet. Elmire kann sich den Zudringlichkeiten Tartuffes einigermaßen entziehen, Schwager Cléante (Christian Kurth) durchschaut schnell das Ränkespiel des Heuchlers. Hausherr Orgon ist allerdings in seiner Berauschtheit unerreichbar, schenkt dem Tartuffe nicht nur die widerstrebende, unglückliche Tochter, sondern obendrein noch sein gesamtes Vermögen.

Man hatte den Eindruck, das Publikum selbst wäre am liebsten dazwischen gegangen und handgreiflich geworden. Jedenfalls ging es so mit, wie es die Stadthalle bisher sicher nur selten sah.

Guter Rat ist teuer, doch Elmire weiß eine List: Unter dem Tisch versteckt, erlebt Orgon nun mit eigenen Ohren und Augen, wie Tartuffe seine Frau „flachlegen“ will. Aha – nun fällt’s ihm wie Schuppen von den Augen. Zu spät. Tartuffe kommt mit dem Gerichtsvollzieher, will die gesamte Familie aus „seinem“ Haus werfen lassen. Wie gut, dass das Schreckensszenario in den letzten Minuten mit einer überraschenden und gerechten Fügung beendet wird.

Insgesamt ein großer Genuss für das begeisterte Publikum: Hoher Anspruch, großes Können, dazu Darsteller, die einen lachen und schaudern ließen. Hauptperson Tartuffe war zum Schütteln ekelhaft; seine schleimige, verlogene Art, gepaart mit seinem abstoßenden Aussehen wird sicher noch lang in Erinnerung bleiben. Und die jungen Frauen? Eine hübscher und charmanter als die andere. Unter ihnen Lisbet Hampe – alias Hausmädchen Dorine – sie spielte sich mit ihrer schnutigen, zupackenden Art in alle Herzen – sie hätte man am liebsten adoptiert.

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