zur Navigation springen

Auf der Walz : Ein Geselle macht sich auf den Weg in die Fremde

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Zimmergeselle Benjamin Schulte aus Eckernförde wird auf der Walz fremde Kulturen und Arbeitsweisen kennenlernen.

Drei Jahre und ein Tag – das ist der Zeitraum, in dem sich Handwerksgeselle Benjamin Schulte Eckernförde nicht näher als 50 Kilometer nähern darf. Benni, vielen auch bekannt vom Musikduo Caldera, ist gleich doppelt Geselle: Zimmermann und Holzbildhauer hat er gelernt, aber die Ausbildung soll weitergehen.

Bei einem Gesellentreffen hat er den „fremden Gesellen“ – einen Gesellen auf der Walz – Dominik Thier kennengelernt, der versprach ihn als „Exportgeselle“ in die Fremde zu bringen. Dominik trägt eine blaue Ehrbarkeit (Schlips) – ein Zeichen seiner Zugehörigkeit zum Gesellenschacht der Rolandsbrüder. Eine goldene Nadel zeigte sein Gewerk – auch er ist Zimmermann.

Benni Schulte hat inzwischen sein Hab und Gut veräußert oder untergestellt und seine Wohnung gekündigt. Ein fahrender Geselle auf Tippelei, wie die Walz traditionell heißt, hat nur wenige Dinge dabei und verabschiedet sich von Dingen wie Handy, Computer und sonstigen Verbindungen zum „alten“ Leben.

Stattdessen gibt es Rituale: So wird die zivile Kleidung des Gesellen versteigert, um einen Teil der Kosten für das Abschiedsfest zu bezahlen. Auf ihm ist Benni spät in der Nacht „genagelt“ worden: Den Kopf auf einen der Kneipentische im Utgard gelegt, wurde ihm ein Nagel durch das Ohrläppchen getrieben. Während er am Tisch festhing, nahm ihm sein Begleiter das Versprechen ab, einen Charlottenburger – ein Tuch, in dem der Geselle sein ganzes Hab und Gut mit sich trägt, zu gestalten. Benni versprach, der Nagel wurde durch einen Ohrring ersetzt. Dieser sollte in vergangenen Zeiten die Kosten für die Beerdigung decken.

Eine weitere Traditionen spielte sich am Ortsschild ab: Zuerst musste der Geselle ein Loch graben, in das er eine Flasche Schnaps legte. Dort wird sie auf ihn warten, wenn er in mindestens drei Jahren zurückkehrt. Zum Schluss musste er über das Ortsschild klettern. Zuerst flog der Charlottenburger im hohen Bogen hinüber. Nur gut, dass außer Schlafsack und wenigen persönlichen Gegenständen, etwas Wäsche und einer zweiten Kluft nichts Zerbrechliches vorhanden war. Benni folgte kletternd.

Aber das letzte, allerletzte und allerallerletzte Anstoßen mit den Freunden forderte seinen Tribut. So schnell der Aufstieg, so zügig das „Absegeln“. Johlendes Gelächter begleitete ihn auf seinen ersten wackeligen Schritten in die Ferne. Ein letzter Blick auf seine Heimatstadt – jetzt wartet die Fremde auf ihn.




Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen