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Große Glocke ist wieder da : Ein Festtag für St. Nicolai

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die große Melchior-Glocke ist nach viermonatiger Sanierung wieder zurück. Kirchengemeinde feiert dies mit einem Gottesdienst, Musik und Begegnung.

von
erstellt am 22.Nov.2017 | 06:37 Uhr

Eckernförde | Dirk Homrighausen konnte nicht anders. Da hing die frisch restaurierte und mit einer neuen Krone versehene 428 Jahre alte Bronze-Glocke vor ihm in Augenhöhe am Haken, fertig für die vorerst letzte Reise nach oben ins Gebälk der St.-Nicolai-Kirche, bereit für den Einbau und die Inbetriebnahme voraussichtlich zum 1. Advent. Aber solange wollten die etwa 100 Gemeindeglieder und interessierten Passanten nicht warten, und auch dem Pastor „juckte es in den Fingern“. Dirk Homrighausen schnappte sich einen großen Holzhammer und schlug drei Mal vorsichtig gegen die große Melchior-Glocke. Der Klang entfaltete sich weich, intensiv und nachhaltig. Freude kam auf – und dann ging’s für die 1,2 Tonnen schwere Glocke 47 Meter gen Himmel, wo sie der Kranführer zentimetergenau in die vorhandene Aussparung einpasste. Die Glocke von St. Nicolai ist wieder zuhause. Von den zahlreichen Zuschauern gab’s Beifall.

Seit 1589 hat das gute Stück die Bürger zum Gottesdienst gerufen, ist aus erfreulichen und traurigen Gründen erklungen und ist aufgrund der zentralen Lage im Dachstuhl der St. Nicolai-Kirche auf dem Kirchplatz mitten in der Fußgängerzone das akustische Wahrzeichen der Eckernförder Innenstadt. Nach Worten Homrighausens ist die 428 Jahre alte Glocke, die der holländische Glockengießer Melchior Lucas in Husum gegossen hat, eine der ältesten und wertvollsten Glocken in Nordelbien. Das hat sie auch davor bewahrt, im Ersten und Zweiten Weltkrieg gänzlich eingeschmolzen zu werden, um aus dem wertvollen Rohstoff Kriegsgerät zu machen, erläuterte Pastor Homrighausen.

Die Kirchengemeinde St. Nicolai hat die Rückkehr der Glocken – neben der großen Melchior-Glocke wurden auch die deutlich kleinere Stundenglocke aus dem Jahr 1672 sowie die Minutenglocke saniert –, gestern Morgen gebührend gefeiert. In der Nicolai-Kirche ließ zunächst der Morgen-Chor unter Leitung von Katja Kanowski „Lobet den Herrn“ erklingen, bevor Pastor Homrighausen sehr anschaulich und tiefgehend das Wesen der Glocke als Gemeinsinn stiftenden und verbindenden Klangkörper sowie liturgisches Musikinstrument ergründete. „Die Glocken sind da und sehen großartig aus“, begann er seine Glocken-Predigt, um dann von der erstmaligen Erwähnung von Glocken im Alten Testament (2. Buch Mose) bis zu deren Friedenssymbolik in heutiger Zeit einzugehen. Die Melchior-Glocke zeichne sich durch ihre perfekte Form, einen schönen Klang, ihre künstlerischen Inschriften und Verzierungen aus, sagte Homrighausen. Für die meisten Menschen sei der Glockenklang alles andere als „widriges Geklingel“, wie Goethes Mephisto im Faust spotten ließ. Sie verbänden damit ein Gemeinschaftsgefühl in der Gemeinde, ein Signal zum Innehalten und der inneren Einkehr, ein Angebot zur Besinnung und Beteiligung am Gemeindeleben, Teilhabe an Freude und Trauer sowie eine feste, zeitliche Struktur des Tages, wenn die Glocken zwischen 6 und 22 Uhr viertelstündlich und mit entsprechenden Stundenschlägen die Zeit angeben. Pastor Homrighausen wies auf das hohe Alter der Glocke hin, die Naturkatastrophen wie die große Sturmflut 1872, Seuchen wie die Pest, Kriege, Königreiche und Diktaturen überstanden habe und jetzt um 9 , 12 und 18 Uhr für den Frieden läute. Die Glocke sei für die Menschen nicht nur ein verbindendes Element über die Jahrhunderte hinweg und rufe zur Gemeinschaft auf, sondern erinnere einen auch an die Vergänglichkeit des Lebens „und stimmt uns ein auf die Welt Gottes“. Und schließlich sei die Glocke auch das Symbol der Verkündigung und des christlichen Glaubens. Viele Literaten – nicht nur Schiller – haben in ihren Werken die Wirkungen des Glockengeläuts eingehend beschrieben. Homrighausen zitierte Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der gesagt hat, dass das Glockengeläut die Menschen davor bewahre, zu einer vierbeinigen Kreatur zu werden.

„Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit“ steht als Inschrift auf der St. Nicolai-Glocke. In diesem Sinne verabschiedete der Pastor die Gemeinde und führte sie zur Glocke auf dem Kirchplatz, um ihnen die Gelegenheit zu geben, nach einem gemeinsam gesungenen Kanon die beiden restaurierten Glocken eingehend zu betrachten und zu befühlen.

45 000 Euro hat die Glockensanierung einschließlich neuer Antriebe, eines neuen Glockenjochs und der Sanierung des Glockenstuhls gekostet, sagte Architekt Dietrich Fröhler. Am 1. Advent soll die große Melchior-Glocke wieder erklingen. Die Stundenglocke wird zunächst in der Kirche aufgestellt. Sie soll nach dem Weihnachtsmarkt Anfang 2018 zusammen mit dem Aufbau des ebenfalls sanierten Dachreiters wieder zum Einsatz kommen.

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