zur Navigation springen

Brilliante Lesung : Ein Fallensteller mit Fessel-Kunst

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Schriftsteller Saša Stanišic hat vor 50 Gästen in der Galerie 66 gelesen. Es gab stehende Ovationen für einen außergewöhnlichen Autor.

Eckernförde | Das Ambiente für die Lesung mit Saša Stanišic konnte kaum besser gewählt werden, denn auch die derzeitige Ausstellung im Veranstaltungsort Galerie 66 ist komplett der Literatur gewidmet. Als krönenden Jahresabschluss der Reihe „Der Norden liest“ hatten NDR und NDR-Kulturjournal mit Saša Stanišic am Donnerstagabend einen vielfach prämierten Autor nach Eckernförde eingeladen. Christoph Bungartz vom NDR führte souverän durch den Abend und stellte in seiner Begrüßung den jungen Autor als „einen der interessantesten Vertreter der jungen Generation unseres Landes“ vor.

Und er sollte den ganzen Abend über Recht behalten. Staniši präsentierte sich sofort sympathisch, authentisch, sensibel und offen. Von seinen vielen Ehrungen und Preisen hat ihn in diesem Jahr der Rheingau Literatur Preis besonders beeindruckt, denn im Zuge dessen erhielt er 111 Flaschen Rheingauer Riesling zugestellt.

In seiner kurzen autobiographischen Vorstellung erfuhren die etwa 50 Literaturfreunde, dass Stanišic erst im Alter von 14 Jahren die deutsche Sprache lernte, als er – in Bosnien geboren – im Bosnienkrieg mit seinen Eltern nach Heidelberg flüchtete. Dort besuchte er die Internationale Gesamtschule. Bereits früh wurde sein schriftstellerisches Talent erkannt und gefördert, was zum Studium Deutsch als Fremdsprache und Slawistik an der Universität Heidelberg führte. Mit seinem in über 30 Sprachen übersetzten Debutroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ überzeugte er die Literaturkritiker, was sich in den Folgejahren durch verschiedenste Literatur-Preise, Stipendien und Ehrungen widerspiegelte.

Sein neuester Band „Fallensteller“ ist eine Zusammenstellung von Geschichten, in denen der Autor teilweise sowohl selbst erlebte oder überlieferte Situationen wie auch frei Erfundenes verarbeitet hat. Aus diesem Buch stellte Stanišic einige Passagen vor, und sofort war das Publikum eingefangen von seiner sensibel-wortgewaltigen Sprache und erstaunt über die poetischen Darstellungen einfachster menschlicher Gedanken. Er beschreibt in seiner Geschichte über den Außenseiter Georg Horvath eine Figur, in der sich ein sensibler Mensch wiederfinden kann. Stanišic sagte dazu: „Horvath ist meine Lieblingsfigur, er steht unter dem Druck, sich ständig nützlich zu machen. Er möchte so gern besser in den Dingen sein, die er macht, schafft es aber nicht“ und traf genau den Punkt mit seiner Feststellung: „Der Leser will ihm so gern helfen“. Die Geschichte ist allerdings keineswegs düster oder traurig, im Gegenteil: Stanišic benutzt in der Erzählung reichlich belustigende Vergleiche, sein erzählerisches Talent und sein leichter Akzent kamen dazu – alles führte dazu, dass das Publikum sich bestens unterhalten fühlte.

Eine nächste Geschichte berichtet in surrealistischen Sprachbildern von einer Begegnung auf dem tief verschneiten Gebirgsplateau Romanija in der Nähe von Sarajevo. Moderator Bungartz bemerkte dazu, dass es „offenbar auf dem Balkan eine verrücktere Erzählvariation gibt als in Deutschland“. Die Erzählung ist im Gegensatz zur vorigen in der Ich-Form geschrieben, was dem Publikum die Möglichkeit eröffnete, ganz in die Geschichte einzutauchen und daran teilzuhaben.

Offen beantwortete der symphatische junge Autor in der Pause der Eckernförder Zeitung einige Fragen, so nach seiner perfekten Ausdrucksweise in einer für ihn lange Zeit fremden Sprache: „Ich hatte an der Internationalen Gesamtschule viele Freunde und habe immer gern und viel gelesen.“ Seine Geschichten schreibt er nicht vorrangig als Ich-Variante: „Die Geschichte muss sich entwickeln, dann erst entscheide ich, ob ich in der dritten Person erzählend oder die Ich-Form wähle.“ Oft verarbeitet er Situationen aus seinem eigenen Leben oder dem von Freunden, stellte er fest.

Nach der Pause wurde förmlich noch „eins draufgelegt“. Die sprachlichen Kompositionen von Stanišic fesselten und erlaubten gleichzeitig viel Fantasie, so dass sich jeder in die Geschichten hineinversetzt fühlen konnte. Das Publikum war hin und weg und dankte es mit stehendem Applaus. Das gab es in Eckernförde für ein Literaturereignis schon lange nicht mehr.

Wer sich nun ärgert, diese faszinierende Lesung verpasst zu haben, bekommt Buch und Live-Lesung als CD in der Buchhandlung am Gänsemarkt.



Karte
zur Startseite

von
erstellt am 17.Dez.2016 | 05:51 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen