zur Navigation springen
Eckernförder Zeitung

20. August 2017 | 04:36 Uhr

Ein echter „Eckernborbyer“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Keine Animositäten und Vorbehalte: Auf beiden Seiten des Hafens lässt es sich hervorragend leben

In einem Interview eines Spielers, der von Kiel nach Bremen gewechselt war, fragte ein Reporter die Frage: „Wie sehr sind Sie schon Bremer? Und wieviel Kiel steckt noch in Ihnen?“ Die Antwort fiel erwartungsgemäß sehr diplomatisch aus, veranlasste mich aber zu den folgenden Gedanken: „Was würde ich antworten, wenn ich nach meinem Wohnungswechsel zwischen Eckernförde und Borby und zurück, gefragt würde: „Wie sehr sind Sie schon Eckernförder und wieviel Borby steckt noch in Ihnen?“

Dazu muss ich erklären, dass ich zunächst in Eckernförde im „Königlich-preußischen Zollamt“ an der Schiffbrücke gewohnt und gearbeitet habe. Das war nicht nur äußerst praktisch, sondern vermittelte stets einen Gesamtblick auf den damaligen Arbeitshafen. Die Höhepunkte waren die Blicke auf das Hafenleben während der Aalregatta, der Classics, der Sprottentage, bis hin zu den alles übertreffenden Piratenfesten. Leider wurde das alte Zollhaus nach Auflösung des Zolls in Eckernförde 2008 von der Zollverwaltung verkauft.

Ich hatte schon 1997 eine neue, nicht minder reizvolle Bleibe in Borby gefunden. Wieder mit Blick auf den Hafen. Eigentlich hatte sich nicht viel geändert. Und doch! Ich war plötzlich Borbyer geworden. In einem Eckernförder Teeladen wurde ich nicht mehr - wenn auch spaßhaft - nach dem Ausweis gefragt, wenn ich die „Borbyer Teemischung" einkaufen wollte. Eine Abordnung der Kirchengemeinde Borby erschien bei uns und schenkte uns als Willkommensgruß Salz und Brot. „Sie sind ja von Eckernförde zugezogen“, so hieß es. Also waren wir richtige Borbyer geworden.

Nicht allein die Holzbrücke verband und trennte zugleich Borby von Eckernförde. Sie machte es immer dann sichtbar, wenn sie hochgeklappt wurde, um größeren Booten die Hafendurchfahrt zu ermöglichen. Das Unsichtbare dahinter hatte seinen geschichtlichen Ursprung. Die Siedlung Borby war ja auch viel älter als Eckernförde und hieß ursprünglich Borgheby, was auf eine Burg hindeutete. Ihre im Jahr zwischen 1150 und 1180 erbaute Kirche ist mit dem Pastorat Borbys ältestes Gebäude. Wenn die Borbyer auf die aufstrebende Gemeinde Eckernförde vom Petersberg - im wahrsten Sinne des Wortes - herabschauten, blickten sie verächtlich auf ärmliche Fischerhäuser auf der anderen Uferseite, die öfters vom Hochwasser heimgesucht wurden.

Drei Mühlen und die Keramik-Fabrik Otte brachten in Eckernförde den Wohlstand. Seit 1851 hatte Eckernförde sogar eine Eckernförder Zeitung. Haupteinnahmequelle blieb das Fangen und Räuchern der Sprotten. Aus „Silber Gold machen“ konnte man jedoch nur, wenn man riesigen Rauchwolken aus ungezählten Schloten über der Stadt mit in Kauf nahm. Auf jeden Fall verdankt Eckernförde dem wachsenden Wohlstand sein heutiges einzigartiges Stadtbild.

Die Borbyer hielten dagegen. Sie bauten 1831 die erste offene Seebadeanstalt, das Marie-Luisenbad. Die Gemeinde durfte sogar den Namen „Bad Borby“ führen. Die kaiserliche Yacht von „Willem Zwo“ legte meist an der Borbyer Uferseite an und die Hohenzollern-Prinzen wohnten auf der Borbyer Seite. Ein kleiner Schönheitsfehler war allerdings, dass die Uferkante in Borby zur Gemeinde Eckernförde gehörte.

Konkurrenten waren auch die in Notzeiten auf beiden Seiten gegründeten Gilden. Die ältere von beiden war die 1570 von der Kaufmannsschaft gegründete Bürgerschützen-Gilde, die Gelben Westen. Zahlenmäßig die stärkere war jedoch die Borbyer Toten- und Knochenbruch-Gilde, die 1300 Mitglieder zählt. Sie lässt sich leider erst ab dem Jahre 1746 nachweisen, dürfte aber viel älter sein. Tatsache ist, dass die Mitglieder der Borbyer Gilde zum Marktplatz nach Eckernförde nie über die Holzbrücke marschieren. Zu tief sitzt noch die zwangsweise Eingemeindung von Borby vor 80 Jahren in den Köpfen der Bürger. Schließlich war doch der allererste Eckernförder ein Borbyer gewesen.

Zu den traditionellen Besonderheiten dieser Gilde zählt auch heute noch das Fahnenschwenken auf dem Marktplatz und das Jauchzen der Juchfrun zu besonderen Anlässen. Dieses Juchen galt einst der Abwehr von allem Bösen - wie Pest, Unheil und schlechtem Fischfang. Der Aberglauben gehörte zum Leben. Heutzutage schreien die Juchfrun nur einfach voll Freude ihren Beifall hinaus.

Wenn Sie mich also fragen, ob ich schon Eckernförder bin und wieviel Borby noch in mir steckt, kann ich nur sagen: Ich war und bin gleichermaßen in beiden Gemeinden zu Hause. Für mich ist keine Seite liebenswerter als die andere. Ich hoffe nur, dass das auch künftig so bleibt. Juch!

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 08.Okt.2015 | 06:27 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen