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Ein Buten-Eckernförder und die Ölkrise in Nordamerika

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Jens-Peter Harwerth zog es in die Ferne / Der 62-Jährige berichtet über die Auswirkungen billigen Öls in den USA


Haben Sie bemerkt, dass Ihre Tankstellenrechnung geringer geworden ist? Natürlich freuen Sie sich über den niedrigeren Benzinpreis, aber es gibt auch eine Schattenseite, wenngleich sie vielleicht in Europa nicht so spürbar ist.

Sinkende Nachfrage bei weiter ansteigender Produktion führt bekannterweise zu niedrigeren Preisen. Es ist der altbekannte Mechanismus einer etwas zu freien Marktwirtschaft, die jetzt in Nordamerika zu Stirnrunzeln und erklecklichen Einschränkungen in der Ölindustrie geführt hat.

Dabei war es gerade die wohlgemeinte Idee, sich von Ölimporten aus politisch instabilen Ländern des Nahen Ostens unabhängig zu machen, die zusammen mit neuen Explorationstechniken Nordamerika zu einem der größten Ölproduzenten der Welt werden ließ. US-Ölimporte fielen von 2,5 Millionen Barrel pro Tag auf mickerige 300  000 Barrel pro Tag. Diese Entwicklung stieß bei ölreichen Saudis auf erheblichen Widerwillen. Um die lästigen nordamerikanischen Ölförderungen loszuwerden, steigerte man die Ölproduktion und trieb damit den Rohölpreis in den Keller.

Crosby in North Dakota ist ein winziger Ort nur einen Katzensprung südlich der kanadischen Grenze. Der Ort liegt am Rande der „Bakken Formation“ des vor einigen Jahren entdeckten größten Ölvorkommens in Nordamerika. Schon früh meldeten Ölgesellschaften ihr Interesse an der Ausbeutung der Ölreserven in Crosby. Man sprach von 300 neuen Häusern, und die kleine Stadt investierte Millionen in die Infrastruktur, alles, um dem Ansturm der Ölarbeiter und den Anforderungen der Industrie gerecht zu werden. Zu lange hatte man tatenlos zusehen müssen wie sich Orte in anderen Bundesstaaten „über Nacht“ in blühende Wirtschaftszentren verwandelten, während die eigene Stadt am Existenzminimum (k)lebte und ständig mehr Einwohner verlor. Jetzt war die Zeit gekommen sich am Segen der Ölgewinnung zu beteiligen.

Doch dann begann der Ölpreis den Abstieg in den Keller und von zwölf ehemaligen Bohrtürmen waren im Dezember 2014 nur noch drei in Betrieb. Ein Ölpreis von USD 47 pro Barrel fügt der Ölförderung tägliche Verluste in Millionenhöhe zu. Rund um Crosby liegt der „Break-Even Preis“ bei 73 US-Dollar pro Barrel. Bei einem anhaltendem Preis von nur 50 Dollar ist der Verlust der Ölgesellschaften zu hoch. Schon bietet Crosby ein Bild der Verödung, doch Bürgermeister Bert Anderson ist noch hoffnungsvoll: „Der Ölpreis wird wieder steigen und die Förderung wird wieder in Gang kommen“.

Einstweilen führt eine von Straßenlaternen flankierte nicht asphaltierte Straße in die geplante Siedlung. Statt der üblichen Vorstadtidylle mit den typischen Garagentoren zur Straße steht nur ein einziges Gebäude. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Der Ölpreis ist nicht vorhersehbar. Die negative Entwicklung hat sich selbstverständlich auch an anderen Orten gezeigt. So erwartet die Stadt Houston in naher Zukunft einen totalen Verlust von 75  000 Arbeitsplätzen.Bewegt man sich weiter nach Norden in die berühmt- berüchtigten Ölsände im kanadischen Alberta, wo die Ölförderkosten noch wesentlich höher liegen, sieht man, dass auch dort bereits tausende der zugewanderten Ölarbeiter ihre Jobs verloren haben.

Da es in Nordamerika keinen Kündigungsschutz gibt, kommt es dabei immer wieder zu persönlichen Katastrophen. Viele der „Oilworkers“ kamen aus strukturschwachen Gebieten Ostkanadas. Schon bald werden sie mit ihren verchromten Trucks gen Osten fahren, denn das Abenteuer, das sie in den Westen lockte, ist zumindest einstweilen vorbei.


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erstellt am 09.Feb.2015 | 06:55 Uhr

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