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Themenabend Flüchtlinge : Ein Appell an die Menschlichkeit

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

320 Besucher bei Auftaktveranstaltung „Denkanstöße“ in der Kunst- und Kulturhalle Louisenlund / Interessante Erlebnisberichte und Einschätzungen zur Flüchtlingskrise

von
erstellt am 06.Nov.2015 | 06:15 Uhr

Louisenlund | Seine Zeit in Afghanistan liegt vier Jahre zurück. Johannes  Clair (30) war Fallschirmjäger  bei der Bundeswehr, Stabsgefreiter und als Soldat der Task Force Kunduz von Juni 2010 bis Januar 2011 im Einsatz. Nach seiner Rückkehr schrieb er das viel gelobte Buch „Vier Tage im November“. Es handelt vom Krieg, den Menschen und  deren Probleme, wieder ins normale Leben zurückzufinden. Claire selbst ließ sich wegen posttraumatischer Belastungsstörungen behandeln. Am Mittwochabend war der junge Kriegsveteran zu Gast in der Internatsstiftung Louisenlund, um vor rund 320 Besuchern  –  nicht nur Schülern – zu berichten. Dabei ging es weniger um seine Zeit als Soldat, sondern um seinen Blick auf die Flüchtlingskrise, denn auch hier sammelte der Hamburger als Protagonist  des umstrittenen TV-Vierteilers „Auf der Flucht“ – ein Experiment“ Erfahrung. ZDF Neo schickte 2013 bei diesem Format sechs Menschen auf die Reise in den Irak und nach Eritrea, um die Flucht realer Familien „nachzuspielen“. Neben Johannes Clair nahmen noch das Ex-Böhse-Onkelz–Mitglied Stephan Weidner, Schauspielerin Mirja du Mont und der  ehemalige Neonazi Kevin Müller an dem Experiment teil.

Trotz der Kritik, die es für die Sendung schon vor der Ausstrahlung gab, verteidigte Clair, das TV-Projekt: „Wir haben gesehen, dass Menschen wie Dreck behandelt werden, auch in Europa“. Mit versteckter Kamera hätte das Team in Griechenland Aufnahmen machen können, wie Flüchtlinge zusammengepfercht werden, Erwachsene und Kinder voneinander getrennt. „Wir haben mitbekommen, wie Mitglieder der Partei „Goldene  Morgenröte“ regelrecht  Jagd auf Flüchtlinge machte, um sie aus der Stadt zu vertreiben.“

Die Unwissenheit über Krieg und die Menschen auf der Flucht führe zu Ängsten, sagte Johannes Clair. Die hohe Zahl der Flüchtlinge mache Probleme auf allen Ebenen – von der Verwaltung bis zu den Sportvereinen. Probleme die es anzupacken gilt, denn, so Clair: „Die Menschen sind jetzt da“, sagte Johannes Clair „und weitere sind auf dem Weg“.

Zu Beginn der  Veranstaltung sprachen Dr. Alf Hermann und Dr. Rolf Wenzel, über das Thema. Auch die beiden Lehrer machten unmissverständlich klar, dass die Gesellschaft die Integration der Flüchtlinge beherzt angehen müsse, am besten als gesamteuropäisches Projekt. Hermann sprach von Ratlosigkeit,  Identitätsverlust, tiefen Gräben in der Gesellschaft, bedauerte, dass  diese Ängste spalten – bei einem Thema das dringend Einigkeit erfordere. „Ich zolle Angela Merkel Respekt“, sagte der Historiker angesichts der Kritik, die die Kanzlerin vor allem von der CSU für ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage einstecken muss. Der Vorwurf  Horst Seehofers, Merkel habe mit ihrer Entscheidung, die Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland fahren zu lassen, den „Stöpsel aus der Flasche gezogen“, sei nach Aussage von Rolf Wenzel haltlos. „Wir dürfen unsere christlichen Werte und die Menschenrechte nicht verraten“, appellierte Hermann.

In der anschließenden Diskussionsrunde gaben Wenzel, Hermann und Clair den westeuropäischen Ländern eine Mitverantwortung an dem Dilemma, beispielsweise durch  unsägliche Waffenlieferungen, aber auch durch  militärische Aktionen, hätten sie destabilsiert. „Machtpolitische Interessen haben schon viel Unheil angerichtet“, so Hermann.   Vom „Elefanten im Porzellanladen“, sprach Rolf Wenzel im Hinblick auf die   Außenpolitik des Westens. Die Strategie der NATO, die Despoten der Länder zu beseitigen, ohne eine Alternative parat zu haben, sei nach hinten losgegangen. Die Diktatoren wurden vor dem Arabischen Frühling von Europa und den USA unterstützt. Sie sorgten, wenn auch mit eiserner Faust, für Stabilität in ihren Ländern.

Auch als Mitglied im Fleckebyer Willkommenskreis hofft Dr. Rolf Wenzel, dass die Integration der Menschen eine Erfolgsgeschichte werde. Seit mehr als einem Jahr sind Shari al Tonbak und Saad Najjar in Deutschland. Die beiden Syrer lebten zunächst in der Unterkunft in Fleckeby und mittlerweile in einer eigenen Wohnung in Kiel. Saad dankte dem Willkommenskreis in Fleckeby für die Unterstützung und Hilfe, Hilfe, die er jetzt zurückgeben möchte. Nahezu täglich sei der 21-Jährige am Kieler Bahnhof oder den Fähranlegern, um den neu angekommenen Menschen beispielsweise als Dolmetscher zu helfen. „Ich weiß, wie die sich fühlen, da muss ich einfach was machen“, sagte er.

Etwas tun will auch die Internatsstiftung, versicherte Schulleiter Dr. Peter Rösner. „Wir können Schule, wir können Internat“,  sagte er über die originären Fähigkeiten der Stiftung. Daher sei bereits eine Spendenaktion angelaufen, um Flüchtlingskindern Stipendien zu ermöglichen.

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