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Flüchtlingsdramen : Eckernförder Soldaten retten Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Bordeinsatzkräfte des Seebataillons in Eckernförde sind seit Anfang Mai permanent im Mittelmeereinsatz und retten Flüchtlinge vor dem Ertrinken. Die Soldaten müssen dabei rigoros auftreten.

Seit dem 7. Mai ist die Deutsche Marine mit zwei Schiffen im Mittelmeer, um Flüchtlinge aus Seenot zu retten. Den schwierigsten Teil der Arbeit erledigen dabei Soldaten aus Eckernförde.

Julian L. (28) und Kim H. (26) sind Bordeinsatzkräfte des in der Preußerkaserne stationierten Seebataillons. An einem Mittwoch Anfang Mai erhielten sie ihren Einsatzbefehl, nur drei Tage später saßen sie in einem Flugzeug nach Sizilien. Mit 18 Kameraden aus Eckernförde gingen der Kapitänleutnant und der Oberstabsgefreite für einen Monat auf die Fregatte „Hessen“ und den Einsatzgruppenversorger „Berlin“. „Was genau auf uns zukommt, wussten wir nicht“, sagt Julian L.

Rettung von Flüchtlingen – dafür sind die Soldaten nicht ausgebildet. Doch es gibt einen Grund, weshalb die Bordeinsatzkräfte ausgewählt wurden. Sie sind im Nahkampf geschult, können mit Schnellbooten umgehen und sich in einer Menschenmenge Autorität verschaffen. Und das war auch nötig.

In der Regel begeben sich die Flüchtlinge in die Hände von Schleppern. Diese setzen sie an der afrikanischen Mittelmeerküste in ein Boot mit Nahrung und Benzin und drücken ihnen einen Kompass in die Hand. Ein Satellitentelefon mit der eingespeicherten Nummer der Seenotleitstelle in Rom, die für diesen Bereich des Mittelmeeres zuständig ist, gibt es dazu, um irgendwann Hilfe rufen zu können.

Und die kommt dann auch. Insgesamt 16 Einsätze hatten die beiden Schiffe im ersten Monat. 2500 Menschen haben sie aus Seenot gerettet. Dabei gilt als Seenot nicht nur, wenn ein Boot zu sinken droht, sondern zum Beispiel auch, wenn nicht die notwendigen navigatorischen Kenntnisse vorliegen oder der Sprit ausgegangen ist.

Die Rettungsaktion läuft stets ähnlich ab: Mit zwei Schnellbooten à fünf Mann Besatzung fahren die Soldaten zu den Flüchtlingsbooten und sondieren die Lage. Die Menschen werden über ein Megafon auf Englisch, Französisch und Arabisch angesprochen. Schließlich werden sie einzeln an Bord geholt und zur Fregatte gefahren – höchstens zehn Menschen auf einmal. Dort erreichen sie über Rettungsinseln und eine Taucherluke das Schiffsinnere.

Die Soldaten tragen dabei einen Schutzanzug und Handschuhe – luftdicht verklebt – sowie Schutzbrille, Helm und Mundschutz. Und das bei über 30 Grad im Schatten, nur Schatten gibt es nirgendwo. Dennoch: Die Gefahr, sich mit Krankheiten wie der Krätze oder Tuberkulose anzustecken, ist zu hoch.

An einen Einsatz erinnert sich Kim H. gut: 880 Flüchtlinge haben sie aufgenommen, einige saßen in einem Schlauchboot, das von den Insassen selbst zum Kentern gebracht wurde, als die Helfer kamen. „Sie wollten sichergehen, auch wirklich gerettet zu werden“, erklärt der 26-Jährige. Denn nicht alle Nationen helfen, wenn keine unmittelbare Lebensgefahr besteht. Dumm nur: Die meisten Flüchtlinge können nicht schwimmen. Ein Flüchtling hätte es fast nicht geschafft, musste auf dem Schnellboot reanimiert werden. „Wir waren über 16 Stunden lang in den Anzügen“, erzählt Kim H. Die Männer stehen darin in ihrem eigenen Schweiß und Urin, die Haut wird weich. „Wir waren alle wundgescheuert.“ Als alle Flüchtlinge an Bord waren, gab es zwei Stunden Pause zum Duschen und Essen, danach folgten vier Stunden Wache an Bord und weitere zwei Stunden Pause. „Ich habe lange gebraucht, um einschlafen zu können. Das gekenterte Boot und die Schreie waren noch zu präsent.“

An Bord erfolgte die medizinische Behandlung und die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Und auch, wenn die Soldaten hauptsächlich in dankbare und lächelnde Gesichter blicken, kommen die ersten Konflikte auf. Rassismus unter den Flüchtlingen bahnt sich jetzt seinen Weg: „Die arabischen Nordafrikaner verachten die Schwarzafrikaner, und die Araber verachten alle Afrikaner“, musste Kim H. feststellen. Ganz zu schweigen von den Konflikten zwischen Christen und Muslimen. Bei einem Streit um eine Flasche Wasser schlugen Eriträer und Somalis aufeinander ein. Die Eckernförder Soldaten schritten ein, mit forschem Auftreten. „Für viele Flüchtlinge zeigt Freundlichkeit Schwäche, die sofort ausgenutzt wird“, sagt Julian L. „Auf autoritäres Verhalten reagieren sie.“ Als Kim H. von einem Syrer nach einer Zigarette gefragt wurde und verneinte, fluchte dieser und machte eine beleidigende Handbewegung. „Ich hatte ihn kurz zuvor aus dem Wasser gefischt.“

Die Erlebnisse sind bei den Soldaten noch immer präsent. Besonders die Bilder der leidenden Kinder. „Ein Flüchtling erzählte, dass seinem Bruder von den Schleppern vor den Augen der anderen die Kehle durchgeschnitten wurde. Nur um zu demonstrieren, dass sie das Sagen haben.“ Eine Frau war von den Schleppern so misshandelt worden, dass sie schließlich querschnittsgelähmt war – sie hatte sich geweigert im Boot unter Deck zu gehen, wo sich die Fäkalien der Flüchtlinge sammeln.

Auf Sizilien angekommen, haben die 880 Flüchtlinge das Schiff verlassen und wurden registriert. Die italienischen Behörden kamen kaum hinterher. Am selben Tag waren zuvor schon 4000 Flüchtlinge angekommen.

Das Erlebte haben die Soldaten gut weggesteckt. Psychologische Betreuung benötigen sie nicht. Nach dem Sinn des Einsatzes gefragt, äußern sie ihre private Meinung: „Es ist immer gut, Menschen in Not zu helfen. Das macht einen auch stolz“, sagt Julian L. Aber es bleibe eine Symptombehandlung. An den Zuständen in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, ändere sich dadurch nichts.

>Gestern hat der Tender „Werra“ 105 Menschen an Bord genommen. Insgesamt haben die Soldaten der Deutschen Marine damit 6810 Menschen im Mittelmeer aus Seenot gerettet. Ständig sind auch die Bordeinsatzkräfte aus Eckernförde dabei.

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erstellt am 20.Aug.2015 | 06:32 Uhr

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