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Eckernförder Zeitung

23. August 2017 | 12:28 Uhr

Eckernförder Ruhe- und Gedenkstätte

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Rundgang über den Parkfriedhof am Mühlenberg: Ein Wandel durch die Stadtgeschichte / Schicksale und bekannte Persönlichkeiten

In Eckernförde gibt es keinen schöneren Friedhof als den altehrwürdigen „Parkfriedhof“ am Mühlenberg. Darum schloss ich mich spontan einer Führung an. Weil dieser Friedhof Geschichten aus dem alten Eckernförde erzählen kann, heißt der Titel auch „Künstler, Kaufleute und Kämpfer“. 800 Steine mit den Fußabdrücken von 400 Kindergartenkindern weisen mit diesen Lebensspuren vom Rathaus und der St.-Nicolai-Kirche über Nicolaistraße und Holzbrücke durch den Streckenbachsgang den Weg zum Friedhof. Der städtische Friedhof wurde aus Platz- und Hygienegründen 1827 vor die damaligen Grenzen der Stadt verlegt - und hier beginnt unser Weg.

Wir stehen vor der Grabstätte eines mutigen Kämpfers gegen den Nationalsozialismus, Propst Heinrich Langlo, immer unterstützt von seiner starken Frau Hedwig. Auch wenn er zu schlimmsten Zeiten eine tote Katze mit einem Zettel „so wirst auch du enden“ vor seiner Tür fand, hat er bis 1961 hier gelebt. Seine Frau ist sogar mir noch in Erinnerung – hier lebt Geschichte.

Er muss einfach gezeigt werden, der riesige Findling zur Erinnerung an 22 Jüdinnen, die aus einem KZ bei Danzig evakuiert worden waren. Mit einem schwer beschossenen Landungsboot strandeten sie am 4. Mai 1945 vor Booknis. Gutsherr Graf Moltke-Kirsten, den ich in den 1960ern kennenlernte, sah das Elend und die vielen Toten, rettete die Überlebenden, fuhr sie ins Kappelner Krankenhaus, wo sie abgewiesen wurden. In Eckernförde angekommen, starben 22 von ihnen dennoch. Es ist eine schöne Geste, ihrer hier zu gedenken. Nur zwölf Jüdinnen überlebten.

Wir gehen zur Grabanlage der Familie Siemsen, immer noch präsent durch den Hagebau-Markt, eine KG, die die Brüder Peter und Wilhelm als Gesellschafter 1964 mitbegründeten. Seit vier Generationen bestimmen die Siemsens unser Handelsleben mit, immer war der Baustoffhandel vorrangig, aber der Kohlenhandel hielt die Firma nach dem Krieg über Wasser. Auch hier war eine Frau, Martha, geborene Hopp, Tochter eines Fischhändlers, der Motor. Sie starb 1987. Auch diese Frau habe ich gekannt.

Ein weiteres Muss ist das Grab von Willers Jessen, der, 1911 geboren, bis 1983 in Eckernförde wirkte. Als Lehrer, dann Rektor der Knabenbürgerschule waren ihm damals bereits Heimat und Umwelt ein großes Anliegen. Er sammelte Pflanzen und Steine, gründete ein Kirchen- und ein Stadtarchiv und mit Christian Kock den Vorläufer der heutigen Heimatgemeinschaft. Später wurde seine Schule zur Willers-Jessen-Schule. Wir kommen auch nicht an Herrmann Krafft Lorenzen vorbei. Er legte vor über 250 Jahren den Grundstein für eine erfolgreiche Kaufmannsfamilie, die heute in der achten Generation ihr Geschäft erst in der Nicolaistraße, damals scherzhaft sogar „Krafft-Straße“ genannt, und bis heute in der Langebrückstraße führt. Viele kennen noch den Vater des jetzigen Inhabers, Hermann Krafft Wolter, ein Original, das seinesgleichen sucht.

Der älteste Grabstein gehört der Familie von Gosche von Ahlefeldt, 1470 geboren. Dieser Mann war „stinkreich“, hatte einen schlossähnlichen Wohnsitz in der Frau-Clara-Straße, gründete aber auch den Gosch-Hof, eine Stiftung für „gottesfürchtige Arme und Kranke“.

Auch Max Streckenbach darf nicht fehlen – man hat einen Gedenkstein für den „Blumenmaler“ errichtet, auf dessen Rückseite sein Vater verewigt ist. Sohn Max lebte von 1863 bis 1936, studierte Medizin und Biologie auf Wunsch des Apothekervaters, war dann von 1894 bis 1902 wie vom Erdboden verschluckt. Danach lebte der Autodidakt hier, oft mehr schlecht als recht, von seiner wunderbaren Malerei. Ich kannte eine alte Dame mit einem Tabakladen, die als Bezahlung etliche Bilder ihr eigen nennen konnte. Und so haben viele Eckernförder gleich mehrere „Streckenbachs“. Öffentlich bewundern kann man einige in unserem Museum. Auch vor dem Grabmal der Fotografen-Familie Baasch bleiben wir stehen. Walther Baasch lernte das Handwerk bei seinem Vater, war ein bekannter Porträt-Fotograf, hielt sogar, ein Novum damals, Lichtbildervorträge und lebte hier noch bis 1964.

Wir stehen jetzt vor dem Grabmal des Senators Gaehtje, eines schwerreichen Kaufmannes, der als großer Wohltäter bekannt war. Er hatte den größten Speicher - wenn andere drei Böden hatten, hatte seiner fünf. Ihm gehörten Häuser, Schiffsbeteiligungen, viel Bargeld. Den größten Teil seines Vermögens vermachte er seiner Heimatstadt. Die Stadt wird später die Gelder in den Bau der Friedhofs-Kapelle stecken, in die Bauschule, die Pflasterung der Stadt, die Heizung der Kirche. Wir Zuhörer meinen, dass die wunderschöne geschmiedete Einzäunung daher einen neuen Anstrich verdient hätte.

Wir wandern weiter und lesen den Namen Nic. Georg Ferd. Suadicani, geboren 1786. Suadicani hatte hier inzwischen das Amt des Bürgermeisters inne und eröffnete mit dem Hauptpastor 1827 diesen Friedhof. Im Jahre 1828 starb er, wie es hieß, am „nervösen Scheinfieber“. Zum Hauptausgang hin, dem Ende der Führung, erinnert eine große Grabstätte mit einer Kanone an Ludwig Th. von Preusser und gleichzeitig an den „Tag von Eckernförde“, den Todestag Preussers am 5.April 1849. An Bord der „Christian VIII“ fand er den Tod, als er nach der Überlieferung „überwundene Feinde“ retten wollte.

Der alles überragende Obelisk mit Blick auf die Kapelle wurde zur Eröffnung des Friedhofs von der Eckernförder Beliebung, der Stillen Gilde, gestiftet.

 

>Interessierte Leser haben am Freitag, 13. September, die Chance, meine Friedhofsgeschichten bei der nächsten Führung zu kontrollieren





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von
erstellt am 22.Aug.2013 | 10:35 Uhr

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