zur Navigation springen

EZ-Interview : Druck auf den lokalen Buchhandel wächst

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Interview mit dem Eckernförder Buchhändler Gerd Kieckbusch über die Herausforderungen zwischen Online-Handel und TTIP. Sorge vor großen transatlantischen Handelskonzernen, die den örtlichen Buchhandel an die Wand drücken.

von
erstellt am 08.Jan.2016 | 17:18 Uhr

Eckernförde | Die Nazis haben die Hetzschrift ihres Anführers Adolf Hitler unters Volk gebracht: Über 12 Millionen Exemplare von „Mein Kampf“ wurden verkauft und größtenteils auch gratis verteilt, zum Beispiel an Hochzeitspaare. Jetzt kommt das Buch erneut in den Handel, allerdings in einer kommentierten Fassung. Wie gehen Buchhändler damit um? Ein Gespräch über das Buch, die Branche und die Marktveränderungen mit Gerd Kieckbusch von der Buchhandlung am Gänsemarkt, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiert.

Die Freigabe des Hitler-Buches „Mein Kampf“ hat für viel Wirbel gesorgt. Seit gestern ist das Buch im Buchhandel. Wie viele Exemplare haben sie bestellt, gab es Reservierungen?

Gerd Kieckbusch: Ich habe zwei Exemplare bestellt, Reservierungen gab es eine oder zwei. Es ist auch nicht das Original, das wird es auch nicht geben. Es ist eine zweibändige, kommentierte Ausgabe.


Haben Sie schon mal Probe gelesen?

Nein. Das reizt mich überhaupt nicht.

Was halten Sie persönlich von der Freigabe der Schrift eines der größten Kriegsverbrecher der Menschheit, und was erwarten Sie als Buchhändler vom Verkaufsstart?

Ich bin kein Lehrer der Nation, sondern Buchhändler. Ich verkaufe die Bücher, die mir über solvente Verlage angeboten werden. Ich darf und will keine Zensur ausüben. Wenn der Börsenverein des deutschen Buchhandels ein Buch freigibt, dann verkaufe ich es. Ich behalte mir aber vor, die Bücher nur vorzuhalten und nicht unbedingt im Geschäft zu präsentieren. Das Original würde ich mir ohnehin nicht hinstellen.


Sie haben gerade das Weihnachtsgeschäft hinter sich. War sicher anstrengend, hat es sich auch gelohnt?

Das Weihnachtsgeschäft ist für uns das Hauptgeschäft. Lohnenswert, das ist schwer zu beantworten. Denn mit dem, was wir übrig haben, müssen wir das nächste Jahr leben: Wieder neu einkaufen, neu bestücken, alle Kosten wie Versicherungen, Werbung, Mieten, Energiekosten damit bestreiten. Das kann man schwer mit dem Begriff „lohnen“ umschreiben. Wir tun unsere Arbeit, auch im Weihnachtsgeschäft, gerne.


Welche Titel haben bei Ihnen die Weihnachts-Hitliste angeführt?

Ganz oben ist Joachim Meyerhoff aus Schleswig. Er schreibt über die Arbeit seiner Eltern in Schleswig, über die älteren Menschen. Das kommt gut an, und er verkauft sich gut in den Talkshows. Aber auch Biografien zum Beispiel über die Manns oder Günter Grass haben sich gut verkauft. Eckernförde von A bis Z lief ebenfalls gut. Und natürlich auch Krimis und Bücher, die Annemarie Stoltenberg vorgestellt hat.

Wie kann man sie sich vorstellen, die Suche nach dem guten Buch, mit welchen Vorstellungen kommen die Kunden zu Ihnen in die Buchhandlung?

Was sich verändert hat ist, dass wir nicht mehr so viel empfehlen müssen. Wir haben immer darauf geachtet – das ist auch unsere Maxime –, dass wir auch Nischen abdecken und kleinere Verlage im Programm haben, die gute Literatur anbieten. Die Kundschaft kommt heute meistens schon mit festen Vorstellungen zu uns.


Sind Sie privat auch immer am Lesen?

Ja. Ich schaffe vielleicht 20 Bücher im Monat. Wir sind zu Sechst in der Buchhandlung, alle lesen viel, wir ergänzen uns gut.

Können Sie uns einige Ihrer Bestseller aus 2015 nennen und welche Bücher haben das Zeug zum Bestseller 2016?

Robert Seethaler mit Der Traffikant und Ein ganzes Leben. Dann Joachim Meyerhoff. 2016 wird es wieder einen Siegfried Lenz geben, der auch eine Bodenhaftung hier in der Region hat. Es wird ein Buch werden, was nicht ganz so leicht ist, weil er es 1951 über den Krieg und die Auswirkungen auf die Personen geschrieben hat. Lenz ist ein Garant dafür, dass Leute wieder gerne in die Buchhandlung kommen.

Findet man bei Ihnen auch Wilhelm Lehmann?

Ja, komplett.

Und wie sieht es mit der Nachfrage aus?

Wenn die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft Veranstaltungen hat, ist sie sehr groß. Dann ebbt sie wieder ab. Im Laufe des Jahres ist eher weniger Interesse vorhanden. Es sei denn, ein Preisträger der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft veröffentlicht ein neues Buch. Das wird auch 2016 wieder der Fall sein, wenn Jan Wagner und Ann Cotten mit neuen Büchern herauskommen.

Auch der regionale Büchermarkt ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Wie sieht es mit dem Angebot und mit der Qualität dieser Bücher aus?

Man spürt, dass auch die kleinen Verlage ein Lektorat besitzen, die die Bücher auch auf Inhalt, Modernität und Aktualität sichten. Ich finde, dass wir fantastische Krimis mit hohen Spannungsfaktor und Lesevergnügen bekommen haben. Die schwachen Krimis, die es auch gibt, filtern wir vorher heraus. Wenn ich lese, dass ein nackter Fischer über eine Motorhaube gelegt wird – das geht gar nicht.

Das Buch ist ja schon einmal totgesagt worden, aber es lebt nach wie vor. Wie sieht es derzeit mit dem Verhältnis von „richtigen“ Büchern und E-Books aus?

Laut Fachpresse liegt der Anteil immer noch bei fünf Prozent E-Books, aber der Anteil wächst. Das hat etwas mit der Veränderung der Gesellschaft zu tun. Das betrübt uns, wir können es aber nicht aufhalten und müssen uns auch darauf einstellen. Wir bieten auch die Lesegeräte an, und die Dateien kann man auch über unsere Homepage herunterladen. Wir müssen da mit der Aktualität gehen. Aber es droht noch Schlimmeres: Die beiden großen Parteien plädieren ja sehr für TTIP (Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft, siehe Bericht links). Sollte das kommen, wird es für uns der Tod sein.

Warum?

TTIP könnte die Aufgabe des Buchpreisbindungsgesetzes beinhalten. Sollte das Preisbindungsgesetz fallen, fällt auch die Buchhandlung in Eckernförde.

Sie meinen, dass es dann keine Buchhandlungen mehr geben wird in Eckernförde?

Ja. Es wird dann ganz große Konzerne geben, die nicht in Deutschland ansässig sind, die die Bücher unter dem Einkaufspreis verkaufen. Da haben wir keine Chance mehr.

Das ist harter Tobak.

Damit müssen wir aber rechnen. Wir sehen ja jetzt schon im Internet, dass große, ausländische Konzerne sich nicht ans Preisbindungsgesetz halten und andere Preise machen, die wir nicht halten können. Da die Gesellschaft Internet-affin ist, wissen wir, dass es nur eine Frage der Zeit ist.

Mit welchem Zeithorizont rechnen Sie?

Das hängt davon ab, wann TTIP in welcher Form verabschiedet wird. Ich weiß aber, dass es relativ schnell gehen kann. Beispiel: der Aufbau neuer Buchabteilungen in Supermärkten. Das übernimmt der Zeitschriftenhandel, der Buchhandel ist da raus. Angeboten werden die Bestseller, mit denen man auch ein bisschen Geld verdient. So könnte es auch bei TTIP laufen: Das Buch wird vom Verlag zum Verkaufspreis abgegeben, der Großhandel mit seinem großen Distributionsnetz kann dann ganz anders kalkulieren als wir im kleinen Eckernförde.

Werden die Leute das akzeptieren?

Ja. Das gibt es ja heute auch schon: Man sitzt zu Hause und lässt sich die Bestellung mit dem Paketdienst nach Hause bringen. Man zieht sich nicht mehr an und bleibt in Jogginghose zuhause, das ist sehr bequem und funktioniert. Die Veränderung der Gesellschaft und der Gesinnung ihrer Bürger beschäftigt uns schon sehr.

Das Internet macht es den Lesern einfach: Auf dem Sofa auswählen, mit einem Klick bestellen und zwei Tage später liegt das Buch auf dem Tisch. Sind die Onlinehändler für Sie eine größere Konkurrenz als die Mitbewerber vor Ort?

Ja. Mitbewerber sind eine gute Sache, weil man sich beim Sortiment ergänzen kann, wie in unserem Fall mit zwei Buchhandlungen in Eckernförde. Der Internethandel ist massiv, weil dort auch versandkostenfrei verschickt wird.

Der literarische Standort Eckernförde, wie würden Sie ihn beschreiben?

Er hat eine hohe Qualität. Wir haben glücklicherweise sehr viele Lesekreise, die sich auch um intellektuelle Bücher mit Anspruch und um Klassiker kümmern, und die ein breites Spektrum haben. Das ist schön.


Wie wichtig ist es für Sie, dass Eckernförde ein beliebter Urlaubsort ist?

Es ist wichtig für uns. Dem Touristen sollte ein gewisses Maß an kommerzieller Befriedigung geboten werden, wenn er durch die Stadt geht. Deswegen sind die Touristen hier auch so glücklich, öffnen sich und sind freundliche Menschen. Noch werden wir gerne von den Touristen angefahren, Silvester war es wieder voll in Eckernförde, das ist gut für uns alle.


„Lesen gefährdet die Dummheit“ ist manchmal auf Tüten zu lesen. Da ist was Wahres dran. Bei den absurden Geschehnissen auf der Welt, den Kriegen und dem Terror könnte man meinen, dass zu wenig gelesen und viel zu viel im Internet gesurft und gespielt wird. Wie kann man den Menschen die Bücher und das Lesen noch schmackhafter machen?

Hier sind die Eltern gefordert. Wenn sie die Fähigkeit besitzen und es wollen, den Kindern nahezubringen, dass man mit dem Buch ein paar schöne Stunden verbringen und dass man verzaubert sein kann, ist viel gewonnen. Aber es sind die Eltern, die es machen müssen. Und sie dürfen nicht den Krimi im Fernsehen einschalten und ihrem Kind sagen: Lies mal was! Trotz Schule: Die Pädagogik zu Hause ist das A & O. Nur so kann’s funktionieren. Durch die Lust aufs Lesen und aufs Buch schärfen sich dann auch Werte wie Toleranz und Solidarität.

Welche Bücher zählen zu Ihren Lieblingsbüchern?

Die Bücher von leisen Autoren wie Klaus Modick oder Siegfried Lenz nehme ich immer wieder gern zur Hand. Theodor Storm habe ich komplett zu Hause und gelesen, Wilhelm Lehmann ebenfalls. Auch die Bücher von Heinrich Böll und Günter Grass.

Und das andere Extrem:

Shades of Grey. Das ist keine Literatur. Ich würde auch „Mein Kampf“ niemals lesen. Ich brauche das nicht. Ich bin ein nach vorne gerichteter Menschen. Ich würde keine Zeit darauf verschwenden, auch nur einen Satz daraus zu lesen.

Hat es Sie eigentlich schon mal gejuckt, selbst ein Buch zu schreiben?

Nein. Weil der Anspruch dann zu hoch wäre, dass ich das nicht schaffen könnte. Vielleicht ein paar Anekdoten aus dem Berufsleben, aber das haben andere schon gemacht.

Ihr Wunsch für die Zukunft und die Entwicklung Eckernfördes?

Ich würde mich riesig freuen, wenn wir einen schönen Gänsemarkt bekommen würden. Ich mag das Ungepflegte nicht, diese alten Lampen, das ganze Bild vom Gänsemarkt ist furchtbar. Ich habe das Problem, dass unsere Buchhandlung von der Kieler Straße nicht gesehen wird. Das letzte Jahr hat uns sehr viel Umsatz gekostet, weil eine private Baustelle am Gänsemarkt überaus lange gedauert hat und die Fahrzeuge immer vorm Geschäft geparkt haben, und keiner was dagegen getan hat. Das Parkplatzproblem ist ein sehr, sehr massives. Wir brauchen mehr Parkplätze im Nahbereich der Innenstadt, dass man auch mal schwere Sachen zwischendurch zum Auto bringen kann. Ich spüre nicht, dass irgendwo eine Lösung zu finden ist. Wir brauchen Parkplätze, wenn es nicht schon zu spät ist.


Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen