Drei Jahre und ein Tag auf Wanderschaft

Ein letzter Blick zurück: Tischlergeselle Ole Böhrensen kletterte auf das Ortsschild, um sich zu verabschieden. Foto: Mundt
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Ein letzter Blick zurück: Tischlergeselle Ole Böhrensen kletterte auf das Ortsschild, um sich zu verabschieden. Foto: Mundt

Drei Jahre und ein Tag wird Tischlergeselle Ole Böhrensen (21) aus Götheby unterwegs sein und seinen Heimatort im Umkreis von 50 Kilometer meiden müssen. Er wird auf der ganzen Welt, an jedem Ort seiner Wahl arbeiten und lernen können, Menschen treffen und Freundschaften schließen.

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08. September 2009, 12:40 Uhr

Fleckeby | "Ich bin seit Tagen unglaublich aufgeregt" erzählte Ole Böhrensen gestern kurz vor seinem Aufbruch. Schon seit dem ersten Ausbildungsjahr hegt der gelernte Tischler den Wunsch, auf Wanderschaft zu gehen. Nach seiner Ausbildung in Groß Wittensee, die er 2007 beendete, war er erst noch als Tischler und anschließend als Zimmermann tätig. Doch das Verlangen die Welt zu sehen und andere Orte, Menschen und Arbeitsmethoden kennen zu lernen, erlosch nicht. "Australien, Neuseeland und Irland reizen mich besonders", berichtete Böhrensen, der gestern seine Wanderschaft begann.

Am Sonnabend fand außerhalb von Götheby eine große Abschiedsparty mit Familie, Freunden, Nachbarn und vielen weiteren Wandergesellen und ehemaligen Wandergesellen statt. An dem Abend bekam der 21-Jährige auch, wie es die Tradition wünscht das Ohrloch mit Hammer und Nagel auf einem Tisch in das Linke Ohrläppchen geschlagen. "Früher war der Ohrring aus Gold und diente als Zahlungsmittel für den Bestatter, damit der Leichnam eines Wandergesellen nicht nur über die Stadtmauer geworfen, sondern ehrenvoll beerdigt wurde", sagte der Göthebyer.

In Flensburg lernte Ole Böhrensen seinen so genannten Exportgesellen, den Schweizer Zimmerer Michael Pfiffner kennen. Ein bis drei Monate werden Böhrensen und der 26-jährige Pfiffner zusammen unterwegs sein. In dieser Zeit wird Pfiffner ihm alles Notwendige, was man auf Wanderschaft braucht, beibringen. Sollte Pfiffner in dieser Zeit Bedenken haben, kann er Böhrensen auch wieder nach Hause schicken. Genauso hat dieser die Möglichkeit, sich um zu entscheiden und den Heimweg anzutreten. Nach dieser "Probezeit" erhält der neue Wandergeselle einen roten Schlips, die "Rote Ehrbarkeit", ein Erkennungsmerkmal. Pfiffner selbst ist bereits seit elf Monaten unterwegs und hat unter anderem schon in der Schweiz, Frankreich, Deutschland und Dänemark gearbeitet.

Neben seiner Kluft, der traditionellen Arbeitskleidung die während der ganzen Wanderschaft getragen werden muss, trägt er Werkzeug, Wechselwäsche und Arbeitskleidung an seinem "Charlottenburger", einer Leiste, an dem mit Tüchern alles festgeknotet wird. Ein weiteres wichtiges Utensil ist der Stenz, ein gedrehter Wanderstock. Um alles festzuhalten, hat er auch eine Kamera und ein Wanderbuch dabei. Das Handy muss jedoch zu Hause bleiben.

Auf Wanderschaft kann jeder Handwerker aus dem Bauhaupt- und Nebengewerbe gehen, der im Besitz eines Gesellenbriefes, unverheiratet, schuldenfrei und nicht vorbestraft ist. Dafür kann man sich einem "Schacht" anschließen oder freireisend unterwegs sein. Nach spätestens drei Monaten muss man auf Wanderschaft einen Ort verlassen und weiterziehen. Dieses geschieht meist zu Fuß und es wird getrampt.

Zehn Wandergesellen, Freunde und die Familie begleiteten gestern Böhrensen zum Göthebyer Ortsschild, über das er mit Hilfe der anderen Gesellen klettern musste. Von oben warf er einen letzten Blick zurück, winkte, verabschiedete sich ein letztes mal. Dann sprang er auf der anderen Seite hinunter und zog mit dem Blick nach vorn in die Fremde.

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