Gastronomie : Dorfkrüge ohne Nachwuchs

Gasthof Victoria in fünfter Generation: Familie Norbert (v.l.) und Doris Möse mit Sohn Stefan. Über die Zukunft der Dorf-Gastronomie wird landesweit diskutiert.
Gasthof Victoria in fünfter Generation: Familie Norbert (v.l.) und Doris Möse mit Sohn Stefan. Über die Zukunft der Dorf-Gastronomie wird landesweit diskutiert.

Suche nach Gastronomie-Nachfolgern fällt schwer. Nachfolge in Winnemark noch unklar

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11. Januar 2018, 06:03 Uhr

Winnemark | Das Restaurant Seestern in Schönhagen stand über zehn Jahre lang leer, Nachpächter für den Riesby Krog standen nicht Schlange, dort betreiben die Inhaber den Betrieb nun in Eigenregie und im Schlie Krog in Sieseby stehen Gäste derzeit vor verschlossenen Türen. Im Sommer und Herbst beliebte Ausflugsziele, stehen Gastronomen im touristischen Schwansen im langen Winterhalbjahr vor besonderen Herausforderungen. Nachpächter zu finden ist schwer und Betriebe in einer neuen Generation fortzuführen, muss gut überlegt sein.

In absehbarer Zeit muss man sich auch in Winnemark bei Familie Möse Gedanken über die Zukunft machen. Seit 31 Jahren betreiben Doris (60) und Norbert Möse (64) das Traditionsgasthaus Victoria. Seit rund acht Jahren gehört Sohn Stefan (38) als gelernter Koch zum Team. Der kocht für sein Leben gerne und ist mit Feuer und Flamme dabei. Doch wird er den Betrieb übernehmen, wenn seine Eltern in den Ruhestand gehen? „Wir sind in intensiven Gesprächen und beraten uns“, sagt er, eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Die zu treffen hängt von vielen Faktoren ab, erläutert Norbert Möse, der Verständnis für die Bedenken seines Sohnes und anderer Gastronomen hat. Der Anspruch und die Herausforderungen an einen Dorfkrug haben sich über die Jahrzehnte stark gewandelt. Nur, wenn ein Dorfkrug fest im Gemeindeleben verwurzelt ist, dann kann er bestehen, meint Doris Möse. In Winnemark sei die Welt noch in Ordnung, betonen sie. Alle Vereine, Verbände und auch die Gemeinde nutzen den Dorfkrug für Treffen und Veranstaltungen. Und dennoch muss sich jeder Gastronom an die Veränderungen der Gesellschaft anpassen, erläutert Norbert Möse. „Man muss flexibel sein.“

Die wohl größte Herausforderung für Gastronomie in Urlaubsregionen ist die relativ kurze Hauptsaison von vielleicht zehn Wochen. Jeder Gastwirt muss also weitere Standbeine bilden. Sie haben den Saal, der sehr gut genutzt wird. Neu hinzu kam das Catering-Geschäft, das immer wichtiger wird. Besonders vor Weihnachten und Ostern merken sie, dass die Leute gerne vorbereitetes Essen wünschen. Etliche Gänse bereiteten sie vor Weihnachten zu, die die Kunden zu Hause noch mal kurz im Ofen aufwärmten. Zeit, selber zu kochen, haben immer weniger, hat Doris Möse festgestellt. Früher ging man zu Weihnachten kaum essen, dies sei heute sehr viel verbreiteter. Ein Grund zur Freude, keine Frage.

All das bedeutet für die Gastronomen aber, dass sie anders arbeiten müssen und auch gutes Personal benötigen. Doch hier gibt es Probleme. „Es gibt zu wenig Fachkräfte“, sagt der 64-Jährige. „Kaum einer will mehr eine Koch- oder Serviceausbildung machen“, ergänzt sein Sohn. „Alle wollen Abitur machen oder sagen, im Gastgewerbe gibt es zu wenig Freizeit“. Seit Jahren schon sei die Suche nach Köchen und gutem Servicepersonal schwer, stellen sie fest. Arbeiteten früher viele aus der Nachbarschaft im Krug mit, so sei das heute eher ungewöhnlich.

„Wenn man einen Dorfkrug führt, dann darf man nicht auf die Freizeit schauen“, räumt Norbert Möse ein. Denn neben der Küche müssen der Service und das Personal organisiert werden und es gibt eine lange Liste mit Auflagen von Behörden, die zahlreiche Dokumentationen des Gastronomen erfordern. All das kostet nicht nur viel Zeit, sondern auch Geld.

Kommt es zum Betriebswechsel, dann kommt auch die bestehende Konzession auf den Prüfstand. „Unsere Konzession ist von 1987, seitdem hat sich aber einiges geändert“, meint Stefan Möse, „vor allem im Brandschutz.“ Es sind sehr viele Aspekte, die berücksichtigt werden müssen.

In ihrer Interessenvertretung, der Dehoga, werden die Problematik der Gastronomie in Urlaubsregionen und der Mangel an Fachkräften thematisiert. Lösungen gibt es dort aber keine. Viele Betriebe seien nicht Mitglied, andere hätten die Sorge, dass man ihnen neue Ideen oder gar Gäste wegnehme, meint Möse Junior. „Letztlich sind die meisten Gastronomen Einzelkämpfer“, stellt Doris Möse ernüchtert fest. „Fest steht aber auch“, davon ist Norbert Möse überzeugt, „ohne Dorfkrug als zentraler Treffpunkt im Dorf schläft das Dorf ein“.

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