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Eckernförder Zeitung

18. August 2017 | 13:08 Uhr

Die Zeit des kindlichen Ungehorsams

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Kindheitserinnerungen rund um das Nachtigallenwäldchen / Abenteuerspielplatz , Lager und Granaten

Unlängst war es, als wir, die Jugend- und die Seniorenredaktion, nach einem wunderbaren Essen im Segelclub aufbrachen, um den Abend sportlich zu beenden. Frohgestimmt und neugierig betraten wir das Sportheim des Eckernförder Schützenvereins. Es gab für uns eine fachgerechte Einweisung, wie wir mit den Gewehren umzugehen hätten. Dann wurde Probe geschossen und das Wettschießen begann. Auch ich war mit zwei „Luftschüssen“ dabei und erkannte, mehr musste es für mich nicht sein.

Etwas Eigenartiges geschah mit mir. Bilder meiner Kindertage tauchten auf. Lag es an den Gewehren oder der mir noch so vertrauten Umgebung des Nachtigallenwäldchens? Ich durchlebte noch einmal die Zeit unseres Ungehorsams, den wir Kinder „Abenteuer erleben“ nannten. Sah uns als Kinder um das Gefangenenlager schleichen und Überlegungen anstellen, was die Menschen hinter dem Drahtzaun wohl auf den Feuern am Abhang in großen Dosen kochten. War es wirklich ein Kind, wie es uns von den Erwachsenen als Mahnung und Abschreckung, uns von diesem Ort fernzuhalten, erzählt wurde? Wohl eher nicht, denn heute weiß ich, dass dort frisch gesammelte Weinbergschnecken, Wurzeln und alles einigermaßen Essbare gekocht wurde.

Das Bild wechselte: Ich sah uns Kinder am Strand, wo ein abgeschossenes Flugzeug mit der Kanzel voran im feuchten Gelände steckte. Glücklicherweise kamen wir zu spät, um noch einen Schatz zu bergen. Die großen Jungs waren vor uns fündig geworden. Die Granate aus dem Flieger, an einen Baum geworfen, hatte böse Folgen für die Finder.

Das Bild in meinem Kopf wechselte abermals: Nun sah ich uns Kinder die Prinzenstraße hinauf rennen, von einem Flugzeug verfolgt, aus dem geschossen wurde. Hier war es eine mutige Frau, die uns von der Straße in ihr schützendes Haus zerrte. Sie war unser Schutzengel ohne Flügel.

Meine Gedanken zogen immer weiter: Nachdem der Krieg zu Ende und wir wieder einmal auf Schatzsuche waren, fanden wir ihn endlich, unseren ersten Schatz. Wir fanden ihn am Hang in dem kleinen Häuschen der Soldaten, damals längst geplündert und ausgeräumt. Hier lag unser Schatz, das nackte Mittelteil eines Bettgestells. Wir schleppten es zu zweit stolz nach Hause. Ob unsere Mutter wohl Freude daran gehabt hat?

Später fand die Sprengung der TVA Nord statt, und wo waren wir Gören zu finden? Wir lagen in der geräumten Flakstellung auf der Anhöhe des Nachtigallenwäldchens – trotz Verbot. Später zogen uns die großen Trümmerteile, die aus dem Wasser ragten, magisch an. Natürlich hatte es auch hier schmerzliche Folgen, doch Mutter musste nicht wissen, woher die Wunden stammten, die uns verunzierten. Wir ertrugen den Schmerz klaglos.

Man mag es kaum glauben, doch es gab auch Glücksmomente, in denen alle schlimmen Erinnerungen des Krieges vergessen schienen, wie das alte Foto beweist. Dieses Familienbild wurde eines schönen Tages genau an dem Platz, dem Abhang des Nachtigallenwäldchens, dem Abenteuerspielplatz unserer Kindheit, aufgenommen.

Hier nun vermischen sich Freude und Erinnerung. Nichts oder nur wenig wurde vergessen. Ein Wort, ein Gegenstand, eine Begegnung lassen alles wieder aufleben, begleiten uns weiterhin wie Schatten.


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erstellt am 02.Feb.2015 | 16:48 Uhr

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