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Eckernförder Zeitung

11. Dezember 2017 | 05:28 Uhr

Die Wortsammlerin

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Über die besondere Kunst, Gedanken in Versform zu Papier zu bringen

von
erstellt am 05.Apr.2017 | 06:56 Uhr

Schöne, aussagekräftige Worte genieße ich, lasse sie auf der Zunge zergehen – und im Kopf „lustwandeln“, ob gereimt oder ungereimt. Ungereimtheiten sind ja nicht zwangsläufig hässlich …

Seitdem eine Freundin meinte, ich könne doch schreiben - danke, liebe Malo- , ich könne zeichnen, dann könne ich doch vielleicht auch dichten, da habe ich spontan gesagt, nein, dichten könne ich nicht. Nun packt mich allerdings der Ehrgeiz. Kann ich wirklich nicht dichten? Wobei für mich klar ist, dass es nicht getan ist mit „gehen, stehen, wehen“ oder „Herz und Schmerz“. Und dann gibt es ja noch Unterschiede zwischen Gedichten, die sich reimen und denen, die sich kein bisschen reimen.

Prompt kreisen nun in meinen Kopf viele Gedanken, die in Worte gefasst werden und sich obendrein zu Reimen fügen sollen. Klappt nicht! Während mir sonst meistens die Worte zufliegen, ist dichten, zumindest für mich, Schwerarbeit. Da flattern nun oftmals am Tag Worte ziellos um mich herum, überall liegen Stifte und Notizzettel, jede Idee wird kurz notiert. Aber es hapert mächtig am Zusammenfügen – und einen Sinn soll das Ganze ja auch noch haben.

Also beschäftige ich mich mal mit meinen Möglichkeiten. Da fällt mir der Poetry Slam ein, ein Dichterwettstreit, bei dem sich meist junge Interpreten miteinander messen. Kurz und knackig sind die Sätze, meistens lang der Inhalt des Textes - dabei immer ehrlich, Gefühle werden rausgelassen, Gedanken formuliert und Tatsachen beschrieben, auswendig, wohlgemerkt. Selma Polte z.B. ist eine tolle Slammerin, meiner Meinung nach steht sie der Deutschland-weit bekannten Julia Engelmann in nichts nach. Faszinierend bei diesen Dichter-Schlachten ist die Schnelligkeit des Vortragens, übrigens deutsch. Ich weiß, wovon ich rede, bei einer Langen Nacht der Literatur im Museum kamen einige Vorleser der Senioren-Redaktion vor Jahren in den Genuss.

Schöne Worte versetzen mich in einen Hör- oder Leserausch. Siegfried Lenz war jemand, der seine Novellen und Bücher in eine schöne Sprache packte, aber hat er je Gedichte geschrieben? Oder auch Ulla Hahn – schon der Titel meines Lieblingsbuches dieser Autorin spricht Bände: Das verborgene Wort. Aber auch sie hat sich wohl nicht getraut zu dichten. Reinhard Mey wiederum hängte sein Betriebswirtschaftsstudium an den Nagel, um Musiker zu werden und schrieb wie besessen Texte, hatte, O-Ton Mey: „Feuer gefangen am Dichten, am Suchen und Finden von Ideen, Worten und Melodien und vor allem am Ringen mit unserer schönen, störrischen und wunderbar genauen Sprache“.

So weit, so gut. Wie wäre es nun mit einem Akrostichon? Haben Sie doch schon mal gehört, oder? Man nehme ein beliebiges Wort wie z. B. „Stille“ und benutze jeden Anfangsbuchstaben als Anfang der Gedichtzeile, das Ganze muss sich nicht zwingend reimen. Aber nein, das Reimen habe ich mir ja zum Ziel gesetzt. Also schiebe ich diese Idee beiseite und greife zu meinen kleinen Helferchen, den Zetteln. So entsteht tatsächlich mein erster und möglicherweise letzter Versuch, zumindest öffentlich:


Stille ist schön,

Aber auch Regen auf Moen,

Wenn Morgentau tropft auf ein Blatt,

Grenzenlose Wolken und Vogelflug,

Von allem krieg´ ich nie

genug.
Netter Versuch, Bärbel, belasse es dabei und betätige dich lieber weiterhin als Sammlerin schöner Worte und Gedichte wie dem folgenden, deinem Lieblingsgedicht von Mascha Kaleko:


Mein schönstes Gedicht?

Ich schrieb es nicht,

Aus tiefsten Tiefen stieg es,

Ich schwieg es.

Wenn ich nun meinem eigenen Rat folge, schweige ich, wenn es ums Dichten geht und überlasse den Könnern das Feld. In unserer Redaktion gibt es hervorragende Wortkünstler, denen viele schöne Worte zur Verfügung stehen, die nicht verschwiegen werden müssen. Und das Schöne ist, sie sind sogar alltagstauglich ...

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