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Eckernförder Zeitung

19. Dezember 2017 | 00:07 Uhr

Die Unsichtbare

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ein ominöser großer, roter Fleck und der lange Kampf gegen die Folgen einer Infektion

von
erstellt am 12.Apr.2016 | 18:07 Uhr

Ich habe sie nie gesehen, meine Zecke. Ist ´ne richtige Zicke, finde ich. Da habe ich mehr als zehn Jahre mit Hunden gelebt, auf denen immer wieder Zecken spazieren gingen. Nie hat sich eins von diesen winzigen Krabbeltieren verirrt. Aber nun hatte mich irgendwann Ende des letzten Sommers eine erwischt.

Das Gemeine war, dass ich erst Wochen später durch Zufall eine Rötung entdeckte, als ich mich eincremte - eine Rötung, so groß wie zwei Hände. Ich weiß, Sie denken, dass ich die ja wohl eher hätte sehen sollen. Aber wer schaut sich schon täglich seine Pobacken an? Ich jedenfalls sah nur seitlich einen langgezogenen roten Rand, der erst im Spiegel zu einem unermesslichen Fleck wurde.

Ich habe an diesem Sonnabend im September – meistens passiert mir etwas am Wochenende –, im Internet rauf- und runtergegoogelt. Aber einen Fleck dieses Ausmaßes habe ich nirgends entdeckt. So schloss ich dann einen Zeckenstich aus und rief am Montag beim Hautarzt an. Ende Oktober sollte ich kommen. Nach zähen Verhandlungen wurde ich als Notfall eingestuft und durfte am nächsten Tag, mit Wartezeit, kommen. Ich habe gern gewartet. Die Ärztin warf einen Blick und sagte nur: Zecke! Sie verschrieb mir ein Antibiotikum für drei Wochen, Nebenwirkungen inklusive. Meine Essgewohnheiten musste ich umstellen, weil die Tabletten keine Milch, kein Magnesium und nur regelmäßige zwölf-stündliche Einnahme während des Essens mochten.

Alles lief gut, bis mein Mädels-Quartett einen Westküsten-Ausflug einschließlich Fahrt mit der „Adler II“ machte. Es war ein toller Tag mit viel Nordsee-Sonne und vielen Fotos, ohne Sonnenschutz - ich hab’ auch nicht drüber nachgedacht! Danach hatte ich drei Wochen lang eine rote Nase, keine Bläschen, aber das Rot wich nicht. Obwohl ich den „Waschzettel“ des Antibiotikums sehr sorgsam gelesen hatte, hatte ich den Passus ganz am Anfang überlesen: Keine Sonneneinwirkung!

Dass ich mir tatsächlich eine Borreliose eingefangen hatte, kann ich kaum glauben. Wann und wo, kann ich auch nicht sagen. Wochenlang hatte ich danach das Gefühl, alle Zecken der Welt würden auf mir herumkrabbeln.

Leider wurde ich durch nichts gewarnt, anders als beim Mückenstich juckte nichts, brannte nichts, tat nichts weh. Allerdings gibt es Fälle, bei denen der Betroffene sich wochenlang schlapp und zerschlagen fühlt – und nicht weiß, dass er „angefallen“ wurde. Im Blut lässt sich die Borreliose erst nach über vier Wochen feststellen, wenn man sich denn zum Arzt begeben hat – und der mit Glück trotz fehlender Anzeichen auf diese kleine, gemeine Zicke tippt.

Nehmen Sie „Ixodida“ ernst. Denken Sie bitte gerade jetzt im Frühjahr daran, wenn Sie endlich wieder durch die neuerwachte Natur laufen. Spazieren Sie nicht wie ich bisher ohne Strümpfe durch Wald, Feld und Flur. Die Gefahr lauert auf Gräsern, Halmen und niedrigem Gebüsch auf Sie! Ixodida hat Geduld, sie kann bis zu zwei Wochen auf ihr Opfer warten.

Nachdem ich alle Zecken- und Tablettenerfahrungen gemacht hatte, veröffentlichte das Schleswig-Holstein-Journal eine Doppelseite über diesen Winzling, der still und heimlich Borrelia-Bakterien überträgt. Listig wie diese Zicke ist, betäubt sie die Einstichstelle vorher. Sie sucht sich gemächlich eine kuschelige Stelle wie Kniekehle oder Leiste, gern auch meine Pobacke. Erst wenn sie sich schön vollgesogen hat (der Gedanke ekelt mich noch), überträgt sie ihre Bakterien.

Im Journal wird geraten, bei Entdeckung der „Wanderröte“ sofort zum Arzt zu gehen. Toll ist nur, wenn man sie gar nicht sehen kann. Grippeähnliche Symptome und Fieber können auch auf einen Zeckenstich hinweisen. Nur ich bekomme seit Jahrzehnten kein Fieber. Mit Tablettenende hatte sich die Röte zurückgezogen, aber ich habe vorher ein Selfie gemacht. Fast hätte die Armlänge nicht gereicht, um an so exponierter Stelle einen so großen Beweis zu fotografieren.

Probieren Sie’s mal, aber bitte ohne Zeckenstich.

PS: Guter Tipp für unterwegs: Zeckenkarte besorgen!


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