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Einwohnerversammlung: Stadthalle : Die Stadthalle und ein „weißer Ritter“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Sanierungsbeginn für die Stadthalle ist für Juni 2018 geplant. Das Ein-Euro-Angebot eines unbekannten Investors stößt währenddessen auf Skepsis.

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erstellt am 02.Feb.2017 | 06:01 Uhr

Eckernförde | Die Stadthalle wird für 3,5 Millionen Euro saniert. Das ist beschlossene Sache, die Ratsversammlung hat insgesamt viermal darüber abgestimmt. Dennoch gibt es immer wieder neue Vorschläge, werden diese Beschlüsse immer wieder innerhalb der Politik in Zweifel gezogen. Und dann kommt wie aus dem Nichts ein „weißer Ritter“ daher, der die Stadthalle für einen Euro kaufen und an selber Stelle ein Hotel bauen möchte – inklusive Stadthalle (siehe EZ vom 31. Januar). All das wirft Fragen auf, die am Dienstagabend nach der Nooröffnung Thema in der Einwohnerversammlung unter der Leitung von Bürgervor-steherin Karin Himstedt waren.

Einen Überblick gab Bürgermeister Jörg Sibbel: Im April 2016 hat ein Statiker eine Zustandsverschlechterung der Attika festgestellt. Sie muss dringend saniert werden, sonst könnten Teile abplatzen und Menschen verletzen. Drei Möglichkeiten gibt es: Sanierung der Attika für 600  000 Euro sowie zwei weitergehende Vorschläge inklusive energetischer Sanierung der Stadthalle. Dabei machte Sibbel fest: „Die Attika muss, der Rest kann.“ Ein Neubau würde etwa 12,3 Millionen Euro kosten. Die Politik entschied sich schließlich mit Stimmen von CDU (außer Michael Kornath), SPD und Die Linke für die 3,5-Millionen-Euro-Sanierung.

Mit den Bauarbeiten soll im Juni 2018 begonnen werden. Fertigstellung soll im August 2019 sein. Das erklärte der Projektsteuerer Joachim Lenschow von der Beratungsfirma „Drees & Sommer“ aus Kiel, der die Planung übernommen hat. Die Zeit davor wird zur Planung und Ausschreibung benötigt. Insgesamt sollen laut Lenschow möglichst viele Veranstaltungen in Absprache mit den Nutzern stattfinden. Unter die Sanierung fällt neben der Attika auch die Fassade und das Dach, Fenster, Bodenbeläge, Künstlergarderoben und WC-Anlagen. Hinzu kommen viele andere Arbeiten wie die Erneuerung der Stromverteilung oder der Gastherme.

Politisch wurde die Entscheidung differenziert gesehen. CDU, SPD und die Linke hatten der 3,5-Millionen-Euro-Variante zugestimmt und verteidigten an diesem Abend ihr Votum – zumindest CDU und SPD. Die Linke war aus Krankheitsgründen nicht vertreten.

Sowohl Katharina Heldt (CDU) als auch Martin Klimach-Dreger (SPD) führten die Kosten als Argument an: „Es besteht ein Unterschied zwischen 3,5 Millionen Euro für eine Sanierung und 12,3 Millionen Euro für einen Neubau“, so Heldt. Und auch Martin Klimach-Dreger riet: „Geld, das man nicht hat, soll man nicht ausgeben.“

Immer wieder war in der politischen Diskussion von der Befürchtung die Rede, dass die Sanierungsarbeiten wesentlich teurer werden könnten, wenn sich während der Bauarbeiten herausstellen sollte, dass die Bausubstanz maroder ist als gedacht. Wenn das der Fall sein sollte, „dann machen wir natürlich nicht weiter“, so Klimach-Dreger. Und Katharina Held endete: „Wir müssen uns mit dem begnügen, was wir haben. Und das ist so schlecht nicht.“

Anders sah es Joschka Knuth von den Grünen, der die modernen Ansprüche an eine Stadthalle, wie beispielsweise das Ausrichten von Messen, nicht berücksichtigt sah. Er plädierte für „intelligente Zwischenlösungen im Bestand“ für 4 bis 6 Millionen Euro. Dafür allerdings sei eine Untersuchung der Bausubstanz im Voraus erforderlich.

Die vermisste auch Matthias Huber vom Bürger-Forum. Statt wie schon öfter zunächst ein Gutachten in Auftrag zu geben, um genau zu wissen, welche Sanierungskosten anfallen, begnüge man sich in diesem Fall mit Schätzungen. „So entscheiden wir im Blindflug über Millionen.“

Verlässliche Zahlen forderte auch Rainer Bosse vom SSW. Auch er befürchtet, dass sich die Kosten für die Sanierung während der Bauarbeiten erhöhen könnten.

Die Fragerunde im Anschluss war kurz: Nur vier Bürger meldeten sich zu Wort. Unter anderem plädierte Ingenieur Sören Vollert, der auch als bürgerliches Mitglied der Grünen im Bauausschuss tätig ist, für eine gründliche Untersuchung der Stadthalle als ersten Schritt. Er organisiere selbst jedes Jahr eine Messe in der Stadthalle und habe schon überlegt, woanders hinzugehen, weil Räume für Parallelveranstaltungen, wie Seminare, fehlten. „Wir müssen überlegen, ob man mit einfachen Mitteln einen Mehrwert schafft.“

Eine längere Antwort erhielt Erhard Schumacher auf seine Frage, wie ernst der Vorschlag eines Investors genommen werde, die Stadthalle für einen Euro zu kaufen, um an selber Stelle ein Hotel inklusive Stadthalle zu bauen. Matthias Huber vom Bürger-Forum nahm den Vorschlag „sehr ernst“. Zwei Tage vor dem Bauausschuss in der vergangenen Woche sei ihm als Ausschussvorsitzenden ein fertiges Konzept vorgelegt worden. Der Kontakt sei über den ehemaligen Ratsherrn Dr. Reinhard Jentzsch zustande gekommen. Man habe sofort einen Termin mit der Verwaltung abgemacht und ein Gespräch mit Kämmerer Micha Wulf und Touristik-Chef Stefan Borgmann geführt. Bürgermeister Jörg Sibbel sei zu dieser Zeit krank gewesen. Da der Architekt von außerhalb davon ausging, dass nur die Stadthalle als Hotelstandort zur Verfügung stand, habe er sich darauf konzentriert. Als ihm mitgeteilt wurde, dass man eigentlich für den Exer ein Hotel suche, habe er sich mit der Hotelstudie von Stefan Borgmann für neue Planungen zurückgezogen. Huber: „Daran sitzt er jetzt gerade.“

Nicht allzu ernst nahm Joschka Knuth den Vorschlag: „Man darf nicht zu leichtgläubig sein.“ Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der das Angebot geprüft werden müsse: „Ähnliche Erfahrungen haben wir schon beim Kino gemacht. Da ist das Kino ein Goodie, damit hier jemand richtig absahnen kann. Ich weiß nicht, wieso jemand, der die Stadt nicht einmal kennt, dieser Stadt eine Stadthalle schenken sollte.“

Katharina Heldt war grundsätzlich der Meinung, dass eine Stadthalle in öffentlicher Hand liegen müsse. „Wir müssen weiterhin entscheiden können, was in der Stadthalle passiert und dürfen das keinem Privaten überlassen.“ Noch seien die Preise günstig, „aber ich weiß nicht, ob das bei einem privaten Betreiber immer noch so wäre“. Dem schloss sich Joschka Knuth an.

Offen und gesprächsbereit zeigte sich Rainer Bosse. „Wir warten ab, was bei der Überprüfung durch die Verwaltung herauskommt.“

Doch die machte Druck: „Wir haben nicht unendlich Zeit“, sagte der Bürgermeister. „Die Attika der Stadthalle muss saniert werden, sonst müssen wir die Stadthalle in zwei Jahren schließen, weil dann niemand mehr die Haftung übernimmt.“ Es gebe die Möglichkeit, nur die Attika zu sanieren und sich damit Zeit zu erkaufen, um über eine größere Lösung zu diskutieren oder die Stadthalle zu sanieren. „Aber wir können nicht warten.“

Zur Idee, die Stadthalle für einen Euro an einen Investor zu verkaufen, der dann ein Hotel mit integrierter Stadthalle baut, machte der Bürgermeister eine Gegenrechnung auf. Bücherei und Touristik seien nämlich nicht berücksichtigt. Sie müssten woanders untergebracht oder es müsste für sie neue Gebäude erstellt werden. Für die Touristik müssten 3 Millionen Euro gerechnet werden, für die Bücherei 4,65 Millionen Euro. Egal, ob man einen Neubau an der Gaehtjestraße oder am Grünen Weg erstellen würde – es würden wieder Kosten von rund 3 Millionen Euro entstehen, weil Verkaufserlöse aus dem Grundstück an der Gaehtjestraße oder Parkplätze am Grünen Weg wegfielen. Damit würde die 1-Euro-Variante die Stadt mindestens 10 Millionen Euro kosten.

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