zur Navigation springen

Provinzlärm : Die Sichtbarkeit von Musik und Klängen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

6. Internationales Provinzlärm-Festival für Neue Musik befasst sich unter anderem mit der Umwandlung von Klängen in Formen. Ensembles aus Lübeck und der Schweiz treten auf.

Eckernförde | Selten wie im Eröffnungskonzert des 6. Internationalen Festivals für Neue Musik in der St.-Nicolai-Kirche wurde klar, dass „Neue Musik“ nicht im luftleeren Raum stattfindet. Zur Neuen Musik gehört, dass sie Grenzen überschreitet, dieses Mal sogar Landesgrenzen: Das Schweizer „Ensemble TaG (Theater am Gleis) Neue Musik Winterthur“ präsentierte beim Eröffnungskonzert am Freitagabend mit Video-Projektionen an der Decke ein Programm mit einer Besetzung, die nicht ungewöhnlich erschien: Klavier, Violine, Viola, Violoncello. Dazu Daniel Eaton am Computer und Video-Beamer. „Neu“ waren Spielweise und Ausdruck und die Entscheidung, sich entweder den Musikern oder den Projektionen an der Kirchendecke zuzuwenden. Neue „Musiksprachen“ bedeuten, sich zu öffnen und andere Standpunkte zu erkennen.

Das Programm bestand aus Werken von Giancinto Scelsi, Goffredo Petrassi, Salvatore Sciarrino und Franco Donatoni – also etablierten Komponisten der Neuen-Musik-Szene. Das Programmheft verrät dazu: „Es wird der Frage nachgegangen nach Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Musik und Klängen und deren Formbarkeit und Sichtbarmachung durch bewegte Bilder, und wie sich die beiden Medien gegenseitig beeinflussen und ergänzen können.“ Wer mit Blicken an die Kirchendecke diesen Zusammenhang zwischen sich dauernd verändernden Linien, Punkten und Wolken zum Gehörten erkennen wollte, scheiterte allerdings oft. Unmittelbare Zusammenhänge waren nur schwer zu entdecken. Was blieb, war die Erfahrung mehrerer Welten: Der historische Kirchenraum, darin ausklingende Klavierakkorde, obertonreiche Streicherklänge, teils mit erkennbaren Harmonien.

Eine gute Gelegenheit zum Spekulieren über mögliche Hintergründe dieser Kompositionen. Scelsis „Manto I“ für Viola Solo wirkte vergleichsweise „normal“, Sciarrinos Klaviertrio Nr. 2 erinnerte wegen des Anfangs mit seltenen Klaviertönen und dem Oberton-Zwiegespräch von Violine und Violoncello mehr an ein Duo denn an ein Trio. Scelsis Duo für Violine und Violoncello und Donatonis „Ronda“ für Klavierquartett machten den Spagat zwischen „altem“ Raum und Neuer Musik deutlich: Neues für Auge und Ohr. Diese Musik prägte neue Spuren im Gedächtnis.

Als Geschichte der Musik mit Brücken zwischen Zeiten und (Musik-)Welten war das Konzert am Sonnabendabend mit dem Ensemble Reflexion K unter der Leitung von Gerald Eckert und dem Schlagzeugensemble der Musikhochschule Lübeck (Leitung: Prof. Johannes Fischer) zu verstehen. Angefangen mit Georg F. Haas‘ „tria ex uno“ für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine und Violoncello mit direkter Verbindung zu Josquin Desprez‘ (ca. 1450 - 1521) „Agnus Dei“ aus der „Missa L’homme armé...“. Darin überführte Georg F. Haas das Original aus der musikalischen Vergangenheit mit den kompositorischen Maßnahmen aus dem 16. Jahrhundert in die Jetztzeit (2001). Aus der jüngsten Vergangenheit stammt „Thirteen drums“ des japanischen Komponisten Maki Ishii (1936-2003): Herausforderungen in jeder Hinsicht für Seorim Lee, die Ishiis Ideen umsetzte. Heraus kam ein Hörerlebnis vom leisen Säuseln bis zum brachialen Lautstärke-Ausbruch. Bewundernswert, begeisternd. Mit dem längsten und kräftigsten Applaus dieses Abends.

„The Viola of my live“ von Morton Feldman (1926 - 1987) war eine Konzentrationsübung für Künstler und Publikum. Slow-Food-Musik mit reichlich Gelegenheiten, sich in die Klangwelt hineinfallen zu lassen. Die Musiker „spielten“ mit großer innerer Ruhe. Betörend!

Betörend auf andere Weise das Schlussstück von Matthias Kaul (geb. 1949): „do nothing, just wait, the singing will start ... sooner or later“ (Tue nichts, warte nur, der Gesang wird beginnen ... früher oder später). Die Wartezeit verkürzte Kaul: Fünf Mitglieder des Schlagzeugensembles drückten elektrische Zahnbürsten auf Schlagzeugbecken. So entstand eine Dauerbeschallung: mikrotonale Schwebungen, Auslöschungen, aber auch Verstärkungen in einer Klangwolke. Nach 15 Minuten war das Warten vorbei, Gesang gab es nicht. Der war vom Komponisten auch gar nicht vorgesehen.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen