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Vortrag von Andreas Babel : Die schwere Schuld der jungen Nazi-Ärztinnen

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Elf Assistenzärztinnen haben während der Nazi-Diktatur in Rothenburgsort mindestens 56 behinderte Kinder getötet. Die Eckernförder Kinderärztin Dr. Emma Lüthje war dabei.

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erstellt am 08.Dez.2015 | 17:28 Uhr

Eckernförde | Ihre Praxis befand sich in der Gaehtjestraße. Dort, wo jetzt der Kiosk steht, der Pflanzhügel wuchert und in den nächsten Jahren wieder neue Häuser entstehen sollen. Im Nachhinein umweht diese Kinderarztpraxis ein schauriger Hauch der Geschichte: Dr. Emma Lüthje hat in jungen Assistenzarztjahren mit zehn jungen Kolleginnen in der Hamburger Kinderklinik Rothenburgsort behinderte Kinder durch Injektionen mit einer Überdosis des Schlafmittels „Luminal“ getötet. Die Kinder im Alter bis zu drei Jahren starben nicht sofort. Sie fielen in einen tiefen Schlaf, bekamen eine Lungenentzündung und hielten noch drei Tage durch, bevor ihr Ende kam. Als Todesursache stand „Lungenentzündung“ in den Akten. Dass sie vorsätzlich herbeigeführt wurde, wurde nicht vermerkt. Die Taten, von denen nur die Eingeweihten wussten, wurden verschleiert. Auch das Medikament war nicht nachweisbar – Klinikleiter Dr. Wilhelm Bayer und seine 15 Ärztinnen – von denen vier nicht an den Verbrechen beteiligt waren –, haben mindestens 56 behinderte Kinder getötet. Verurteilt wurde niemand. Viele arbeiteten danach unbehelligt in ihrem Beruf weiter.

Wie Kinderärztin Dr. Emma Lüthje in Eckernförde. Sie hat ebenfalls einige behinderte Kinder auf dem Gewissen, wie sie bei Befragungen eingeräumt haben soll: An das ihr vorgehaltene Vergehen an einem bestimmten Kind habe sich sich nicht erinnern können, habe dann aber aus freien Stücken eingeräumt, dass sie in mehreren anderen Fällen Sterbehilfe an Kindern geleistet habe. Das berichtete gestern der Redakteur der Celleschen Zeitung, Andreas Babel, in seinem Vortrag vor drei 9. Klassen der Jungmannschule mit anschließender Diskussion. Am Abend zuvor hatte Babel den Vortrag auf Einladung der Heimatgemeinschaft Eckernförde auf Carlshöhe gehalten.

Die 1912 in Königsberg geborene Emma Lüthje lebte seit 1914 mit ihren Eltern im Liliencronweg in Eckernförde. Ihr Abitur machte sie an der Jungmannschule, studierte dann Medizin, wurde Ärztin und war mit 28 Jahren in der Kinderklinik Rotheburgsort tätig. Für Andreas Babel, der Ende 2009 mit den Recherchen begann und das Buch „Kindermord im Krankenhaus“ verfasst hat, nichts anderes als eine „Tarnbezeichnung für eine Tötungseinrichtung“. Denn die kranken und behinderten Kinder, die dort nebeneinander untergebracht waren, wurden von Berlin aus nach Aktenlage als „unwertes Leben“ eingestuft und den Todesengeln in den Kinderfachabteilungen überlassen.

„Initialzündung“ für seine Recherchen war 2009 der Tod von Hitlers persönlichem Adjutanten, SS-Obersturmbannführer Fritz Darges, der unbehelligt in Celle lebte. Babel recherchierte, schrieb die Serie „Der Adjutant Hitlers“ und stieß dann über Darges Frau, die gebürtige Flensburgerin Dr. Helene Sonnemann, auf die übrigen 14 Euthanasieärztinnen in Rothenburgsort. Babel zeigte gestern in der Schulaula einige von ihnen auf der Leinwand, wie auch fünf der getöteten Kinder und weitere NS-Verbrecher, die an der systematischen Tötung beteiligt waren und nach Kriegsende ungeachtet ihrer Gräueltaten als freie Menschen weiterleben konnten. Helene Sonnemann etwa sei in Celle bis zu ihrem Tod „eine unglaubliche Verehrung“ zuteil geworden, weil sie 150 kranke Kinder von Rothenburgsort nach Celle evakuiert habe. Darin änderte auch der Umstand nichts, dass sie selbst noch nach Kriegsende Eltern behinderter Kinder empfohlen habe, aktive Sterbehilfe zu leisten. Seine Äußerung, „die Kinder waren keine Missgeburten oder kleine Monster, auch die Ärztinnen nicht“, erklärte Babel damit, dass er „während der Recherchen im Urteil etwas milder geworden“ sei. Das hänge mit den persönlichen Schilderungen zahlreicher Familienangehöriger der Täterinnen zusammen. Verzeihlicher seien die Taten dadurch jedoch nicht geworden.

Die Eckernförder Kinderärztin Emma Lüthje hat bis zu ihrem Tod gesellschaftlich zurückgezogen, aber unbehelligt im elterlichen Haus im Liliencronweg gelebt. Ihre Taten wurden zwar bereits 1960 im Spiegel benannt, zu einer Anklage oder öffentlichen Debatte ist es aber nie gekommen. Insgeheim wussten aber wohl doch einige Eckernförder von Lüthjes Vergangenheit, denn manche Eltern haben ihre Kinder nicht zu ihr in die Praxis gebracht – gesprochen wurden aber nie darüber. Ebenso sei es vorgekommen, dass Eltern ihre behinderten Kinder während des Nazi-Terrors versteckt gehalten haben, um ihren Tod zu verhindern – Zuhörer-Reaktionen am Montagabend auf Carlshöhe.

Für die Schüler gestern war die Veranstaltung eine tiefgründige Erfahrung, die sie besonders wachsam gegenüber allen menschenverachtenden Veränderungen werden lassen dürfte.

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