Die Schönheit gesprochener Bilder

Zwei Lyrik-Asse tête-a-tête: Preisträgerin Ulrike Almut Sandig und Laudator Jan Wagner.
Zwei Lyrik-Asse tête-a-tête: Preisträgerin Ulrike Almut Sandig und Laudator Jan Wagner.

Ulrike Almut Sandig aus Berlin erhält Wilhelm-Lehmann-Preis für „Poesie mit der Kraft von Musik“

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07. Mai 2018, 06:59 Uhr

Das ist sehr ungewohnt, was Ulrike Almut Sandig am Freitag und Sonnabend mit in den Eckernförder Ratssaal brachte. Man mochte zuerst stutzen und sich fragen: Das ist Lyrik? Doch bei allem anfänglichen Zögern waren schnell Türen geöffnet, und über verbleibende Stolpersteine half die Dichterin mit leichter Hand hinweg. Am Ende der beiden Lehmann-Tage waren alle Zuhörer vermutlich im Sandig-Reich angekommen, konnten die Entscheidung der Jury nachvollziehen und in der ungewöhnlichen Frau und ihrer verbalen Jonglierkunst die richtige Preisempfängerin bestätigen. Die Lyrikerin aus Berlin erhielt den diesjährigen Wilhelm-Lehmann-Preis in Höhe von 10 000 Euro. Das ist großzügig, das macht was her, das hat Ulrike Almut Sandig verdient.

Wie Dr. Beate Kennedy zum Einstieg ins Unbekannte sagte, sei Sandigs Sprache vertraut, spreche das tiefste Innere an, beschwöre oft Märchen herauf, eine Urwelt, die es zu erinnern gelte. Sie verbinde mit ihrer Poesie die Kraft von Musik, Klang, Rhythmus, sei eine Performancekünstlerin, die eine neue Gattung, ein Hybrid erschaffe. So hatte auch Dr. Alfred Nottrodt alle Hände voll zu tun, um die nötige Technik zu installieren, Technik für Sicht- und vor allem Hörbares. Mit „Ohren auf – es geht los!“ gab Beate Kennedy den Startschuss. Die junge Dichterin, im Osten geboren, seit einiger Zeit mit „Klangastronaut“ Sebastian Reuter und der gemeinsamen kleinen Mathilde in Berlin ansässig, legte ab. Es ging auf große Reise, eine Reise durch viele ihr bekannte Länder wie Indien, Neuseeland, Australien. Globales hatte Zugriff, ließ die erdachte alte Enkelin 2117 im Heißluftballon über Erdbeben und Verwüstung schweben – in fernerer Zukunft.

Nicht, dass Sandig dabei einen Text vorlas. Man wurde Zeuge des Vorgangs, hörte das Zischen des Ballons, bekam die Erdstöße vermittelt, dazu sang und sprach sie ins Mikro, begleitet von ihrer zweistimmig unterlegten Sprache, scharfer Rhythmus inklusive. So viel dramatisch Hörbares schuf Bilder in den Köpfen. Man konnte sich nur die Ohren reiben bei dieser machtvollen akustischen Präsenz.

Und hat man schon Lyrik über die unvorstellbaren Grausamkeiten in aktuellen Straflagern gehört? „…in einer Gefangenenanlage auf dem hinteren Zeitstrahl der Geschichte unserer Art“ vernimmt man aufrührend Brisantes. Ja, Ulrike Almut Sandig ist politisch, beobachtet Flüchtlinge und Weltveränderungen, verarbeitet Heutiges, Zukünftiges, bleibt dabei jedoch ganz ihrer Kunst, ihrer Sprache verhaftet. „Wörter sind mein Handwerkszeug“ sagt sie und kann mit ihnen – Wortneuschöpfungen inklusive – jonglieren wie eine Zauberkünstlerin. Nein, ihre Gedichte reimen sich nicht mit Zeilenende, aber „Ulrikes rhythmisches Feingefühl und ihre Vorliebe für den tänzerisch-leichten Daktylus“ (Jan Wagner) lassen unauffällige Binnenreime zu und „geben ihrem Gedicht eine unsichtbare, doch belastungsfähige Struktur.“

Zauberei, fast kindlicher Hang zu den Inhalten der Grimm’schen Märchen – das alles trägt sie in ihrem Wappen, malt daraus Sprachbilder, die in ihrer Schönheit ergreifen und einem fast den Atem nehmen. Sie ist ein „zweistimmig singender Vogel mit Menschengesicht“ und: „Ich bin ein Feld voller Raps, verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinander gelegt.“

Die exakt passgenaue Laudatio brachte Lyriker Jan Wagner per Flieger aus Berlin. Er ist ebenfalls Preisträger der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft, inzwischen mit weiteren namhaften Auszeichnungen überschüttet, seit langem „Ulrikes“ Dichter-Freund, der sie einst nach Eckernförde und zu Wilhelm Lehmanns Werk brachte. Er ist überzeugt, dass ihre Kunst Magisches hat, dass man beim Lesen eines ihrer Gedichte „ein bis zwei Zentimeter über dem vertrauten Grund“ zu schweben beginnt.

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