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lesung : Die schöne neue Welt mit Big Brother ist schon längst Alltag

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

„Brave new world“ und „1984“: Am Freitag offenbarte Schauspieler Rainer Rudloff die Parallelen zur Realität. Die Zuschauer waren von der Lesung in der Stadtbücherei fasziniert.

Eckernförde | Harter Tobak war das am Freitag in der Stadtbücherei: Die Lesung, die Rainer Rudloff aus Lübeck den vielen Neugierigen da im LesArt-Programm kredenzte, bemächtigte sich nach und nach aller Lebensgeister und aller Kraft, ersetzte sturmerprobte Standfestigkeit durch weiche Knie. Der Schauspieler und Hörfunk-Sprecher Rudloff widmete den Abend zweier so schöner utopischer Werke wie „Wackere Neue Welt“ (Titel der älteren Ausgabe von „Schöne neue Welt“) von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell.

„Das ist kein leichtes Thema, aber total wichtig“, stellte Rudloff dem Abend voran. Im Plauderton ging es in medias res – in den grauen Bau in Berlin (London im Original), in eines der 34 Stockwerke, in die Brut- und Normenzentrale. Zu den 300 Befruchtern, die gerne aus Briefmarkensammlern und Laubsägearbeitern rekrutiert werden, zu den Brutöfen, in denen aus einem Ei zwischen acht und 96 Embryos gewonnen werden und eines mit diesen Millionenlingen viel, viel einfacher ist: Sie zu „prädestinieren und zu normieren.“

Unheimlich lebendig zieht Rudloff die atemlos lauschenden Zuhörer in den Stoff hinein, er spielt und lebt den Text, und das steckt an wie ein gefährlicher Virus. „Je tiefer die Kaste, desto geringer die Sauerstoffzufuhr.“ Urgs. „Zuerst betroffen: Das Gehirn.“ War ja fast klar. Ziel dieser schönen, neuen und so praktischen Zuchtmethode: „Tue gern, was du tun musst.“ Man lernt noch mehr über die Konditionierung von Kleinkindern durch elektrische Schläge und Lärm und, ähem, ergötzt sich mit dem Welt-Aufsichtsrat über die Effektivität der Methode.

Nach der Pause geht es dann richtig ans Eingemachte. Aber hier interessieren nicht mehr Petrischalen oder Brutöfen, hier interessiert nur noch das Gehirn. George Orwell, der Erfinder des wunderschönen Slogans „Big Brother is watching you“, dachte wie Huxley konsequent weiter: Wie könnte die Welt sich weiterentwickeln? Und nimmt einen an die Hand, zieht einen hinein und hinunter in die klebrige, dunkle Masse des Überwachungsstaats, nimmt einen mit in eine intensiv-anschauliche Gehirnwäsche-Folterszene. Der Andersdenkende – der, der noch den Unterschied kennt zwischen richtig und falsch, er passt nicht ins System. „Wir wissen, was mit Ihnen los ist: Sie sind geistesgestört. Zum Glück ist das heilbar“, weiß der Folterer. So einfach ist das.

So bedrückend, niederschmetternd dieser 70 Jahre alte Text ist, so hochaktuell ist das Thema. Unter dem Deckmäntelchen „praktisch“, „komfortabel“, „den Alltag erleichternd“ kommen Kontrollmechanismen daher und sickern in den häuslichen Alltag: das intelligente Haus. Die Daten liefern Infos darüber, in welchem Raum sich der Bewohner aufhält und wo er wie oft Sex hat. Man wird auf dem Sofa chipsessend beim Glotzen beobachtet, gibt in sozialen Netzwerken alles preis, und jetzt soll auch noch das Töchterchen der vernetzten Barbie all ihre Geheimnisse anvertrauen.

Unklar ist nun nur noch – lähmt einen der Text, den man gehört hat so dermaßen, oder der Erkenntnisekel darüber, dass es im Alltag schon längst Alltag ist, dieses „Big Brother is watching you“? Rüdiger Einfeldt aus Büdelsdorf mahnt an: „Wir müssen aufpassen, dass die Datenhoheit nicht aufgeweicht wird.“ Und Rainer Rudloff kommentiert nach seiner unglaublich lebendigen Lesung, was jeder spürt: „Ein grauenvolles Buch.“ Weil irgendwie so wahr. Deshalb.

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