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Eckernförde : Die Orgel und der eingesperrte Gast

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Wie die Eckernförder Organistin Katja Kanowski einem Kirchenbesucher versehentlich fröhliche Weihnachten bescherte.

Eckernförde | Es gibt viele Möglichkeiten, um schöne Weihnachten zu erleben. Eine ungewöhnliche Geschichte, in der sie selbst eine entscheidende Rolle spielt, erzählt Katja Kanowski. Die Kirchenmusikdirektorin der eindrucksvollen Schifferkirche St. Nicolai in Eckernförde hatte sich am 24. Dezember vormittags noch einmal an die kostbare, 251 Jahre alte Heßler-Orgel gesetzt, um sich auf die Reihe von Gottesdiensten vorzubereiten, die am Nachmittag beginnen sollte. Gegen Mittag packte sie die Noten zusammen, schloss die Kirche hinter sich ab und ging nach Hause. Jetzt noch ein wenig entspannen. Ruhe vor dem „Sturm“, den die Organistin und Kantorin der Gemeinde keineswegs fürchtet, sondern genießt. „Das ist doch kein Stress“, sagt sie, „ich kann von den Weihnachtsliedern nicht genug haben.“. Am heutigen Heiligabend wird sie gleich in fünf Gottesdiensten – um 14, 15, 16.30, 18 und um 23 Uhr in St. Nicolai die verschiedenen Chöre dirigieren oder an der Orgel sitzen.

Doch zurück zu ihrer Weihnachtsgeschichte. Die Mittagspause war beendet. Nun wurde es ernst. Katja Kanowski packte ihre Tanzschuhe ein, die sie sich in einem Spezialgeschäft in Berlin besorgt hat. Die schmalen Schuhe erleichtern das Spiel mit den Füßen auf dem Pedalwerk, während die Hände über den Spieltisch mit den drei Manualen fliegen. Doch als die gebürtige Berlinerin, die ganz und gar nicht den Eindruck macht, als sei sie besonders schreckhaft, die Kirchentür aufschloss, erstarrte sie. Ein Geist schien vor ihr zu stehen. Zum Glück wirkte der Mann mittleren Alters ausgesprochen ruhig und gut gelaunt. Er stellte sich als Tourist aus Süddeutschland vor, der Weihnachten zum ersten Mal an der Ostsee verlebte. Nach dem Frühstück war er, wie er erzählte, an diesem 24. Dezember durch Eckernförde spaziert, als er aus der Nicolaikirche weihnachtliche Klänge hörte. Angelockt durch die Orgelmusik, betrat er durch die geöffnete Seitentür die Kirche und setzte sich ganz leise auf eine Kirchenbank, um die Organistin nicht zu stören. Als diese nach dem letzten Einüben der Stücke die Empore verließ und der Seitentür zustrebte, übersah sie den heimlichen Zuhörer. Schließlich rechnete sie mit keinem Besucher, da alle anderen Kirchentüren noch verschlossen waren. Auch der Mann selbst war offenbar noch so in die verklungene Musik versunken, dass er den Weggang der Organistin erst mitbekam, als die Tür ins Schloss fiel.

Katja Kanowski tat der Mann, der ausgerechnet am 24. Dezember von ihr eingesperrt worden war, leid. Doch als sie sich entschuldigen wollte, dass sie den Besucher beim Hinausgehen übersehen hatte, wehrte dieser ab. „Nein, nein. Das waren die schönsten Weihnachten, die ich erlebt habe. Allein in dieser Kirche. Welche Stille und Besinnlichkeit. Und außerdem wusste ich ja, dass irgendwann jemand kommen würde, um die Tür aufzuschließen. Es ist doch Heiligabend“, sagte er. Der Kirchenmusikdirektorin fiel ein Stein vom Herzen.

Eigentlich wollte sie nach dem Abitur Medizin studieren. „Warum nicht Kirchenmusik?“, fragten die Eltern, „du singst doch so gern im Kirchenchor.“ Das stimmte zwar, und die junge Frau spielte auch im Schulorchester Klavier. Aber an einer Orgel hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesessen. Trotzdem fand sie den Gedanken interessant. Kurzerhand ließ sie sich von einem Organisten in die Geheimnisse des Instruments einweisen; das Spiel mit Händen und Füßen erfordert höchste Koordination und Konzentration. Dann beschloss sie: „Du machst eine einzige Aufnahmeprüfung an der Berliner Hochschule für Kirchenmusik mit. Fällst Du durch, studierst Du Medizin. Bestehst Du, wirst Du Organistin.“ Und wider Erwarten bestand sie sofort beim ersten Mal die Prüfung.

Gleich nach Abschluss des Studiums kam sie 1994 nach Eckernförde und fühlt sich dort seitdem sehr wohl, auch weil sie innerhalb der Kirchgemeinde in jeder Hinsicht auf offene Ohren stößt. So entwickelte sie in St. Nicolai zusammen mit zwei Pastoren etwas bundesweit Einmaliges: Große musikalische Werke von Bachs Weihnachtsoratorium bis zur Matthäuspassion von Johann Theile werden nicht nur durch die Chöre aufgeführt, sondern zusätzlich auf einer großen Puppenbühne im Altarraum inszeniert. Der Kieler Puppenschnitzer Rudolf Wurst schuf die Figuren, für deren Ankauf einzelne Gemeindemitglieder Patenschaften übernahmen.

Für die Krippenspiele, die sie regelmäßig in der Adventszeit mit dem „Spatzenchor“ und dem Kinderchor einstudiert, komponiert Katja Kanowski auch schon mal die Lieder selbst. Und neben Kinder- und Jugendchor sowie der Kantorei bietet sie einen „Morgenchor“ an. Jeden Dienstag um 11 Uhr treffen sich Senioren und auch jüngere Menschen zum vormittäglichen Singen unter Leitung der St. Nicolai-Kantorin. Die Kirchenmusikdirektorin liebt ihre Orgel, weil sie einfach etwas Besonders sei. „Sie erfüllt weder die reinen Kriterien einer barocken, noch einer romantischen Orgel ganz. Aber dafür ist sie perfekt auf diesen Bau zugeschnitten“, sagt sie. Das ließe sich wohl auch auf die Organistin und die Kirchengemeinde sagen.

Weil das Instrument sehr alt ist – zwei Manuale stammen noch aus dem Jahr 1762, das dritte kam 1930 dazu – und es bei dieser mechanischen Orgel keine technischen „Spielhilfen“ gibt, betrachtet die Musikerin ihren Arbeitsplatz als „sportliche Herausforderung“. Das Orgelspiel kostet Kraft und bedarf zwischendurch der Entspannung. Dabei müssen die Finger in Bewegung bleiben. Also nimmt sich Katja Kanowski manchmal beim Üben Strickzeug mit. Einmal ließ sie es auf der Orgelbank liegen. Dann begann der Gottesdienst. Ihr Einsatz. Doch da kullerte der Wollknäuel samt Stricknadeln von der Bank und landete prompt im Pedalwerk.

„Schreiben Sie das bloß nicht“, lacht die Kirchenmusikdirektorin. Doch wir sind sicher: Es passt zum Weihnachtslied „Oh, du fröhliche“. Katja Kanowski spielt es an Heiligabend. Und vielleicht ist der Gast aus Süddeutschland, der eingesperrt war, unter den Gottesdienstbesuchern und singt kräftig mit.

 

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