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Ausstellung in der Stadtbücherei : Die NSU-Morde und der fehlende Biss der Ermittler

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der „Runde Tisch gegen rechts“ hat die Wanderausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ in die Stadtbücherei geholt. Initiatoren sind betroffen über die Brutalität und das Wegducken der Behörden.

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erstellt am 04.Mai.2016 | 06:27 Uhr

Zehn Menschen sind der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zum Opfer gefallen. Von 2000 bis 2007 töteten die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun türkischstämmige Migranten und eine Polizistin. Für die Beteiligung an den Verbrechen muss sich auch die Überlebende des Trios, Beate Zschäpe, vor Gericht verantworten. Wie es zu diesen Verbrechen kommen konnte, warum die Täter sieben Jahre weitgehend ungestört unschuldige Menschen ermorden konnten und welche Rolle dabei die Ermittlungsbehörden von der Polizei über den Verfassungsschutz bis in die Justiz gespielt haben, ist Gegenstand der Wanderausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“, die am Montag in der Stadtbücherei eröffnet wurde. Bis zum 17. Mai können sich die Besucher ausführlich über die Ereignisse und Hintergründe der rechtsextremen Mordserie informieren. Erstellt wurde die Ausstellung von Birgit Mair vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB). Der „Runde Tisch gegen rechts“ hat die Wanderausstellung mit Unterstützung des DGB, Verdi, des Awo-Kindermobils und der Stadtbücherei nach Eckernförde geholt. Dieses in jeder Hinsicht düstere Kapitel jüngster deutscher Geschichte ist wissenschaftlich aufgearbeitet und auf bedrückend-anschauliche Weise aufbereitet worden. Die Ausstellung mit Hintergründen, Chronologie und persönlichen Ausführungen über die zehn Getöteten ist bis zum 17. Mai in der Stadtbücherei zu sehen.

Am Montag eröffnete Albert Leuschner vom „Runden Tisch gegen rechts“ die Dokumentation. „Die Ausstellung spricht für sich, jeder kann daraus seine eigenen Schlüsse ziehen. Das rechtsextreme Netzwerk ist viel größer als das Zschäpe-Trio , die Verquickung staatlicher Organe wie des Verfassungsschutzes wird in erschütterndem Ausmaß deutlich“, sagte Leuschner. Er hat zudem „geistige Brandstifter“ ausgemacht, die eine Islamophobie, Islam- und Fremdenhass in der Gesellschaft schürten, darunter auch bekannte Autoren und Philosophen abseits üblicher Verdächtiger wie Thilo Sarrazin. „Die Befeuerung von Ressentiments feiert wieder Erfolge“, analysierte Leuschner die momentane gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland. Das Ganze basiere auf einem breiten staatlichen Versagen bei Ermittlungen gegen rechtsextreme Gewalt.

Der Eckernförder SPD-Bundestagsabgeordnete Sönke Rix kennt die Hintergründe. Er war Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss und gehört ihm heute noch als stellvertretendes Mitglied an. „Die Arbeit zählt nicht zu den schönsten Erlebnissen eines Parlamentariers“. Rix sprach von „rassistischem Gedankengut“ dass sich bis heute wie ein roter Faden durch die Sicherheitsbehörden ziehe. Die Ermittlungsbehörden bis hin zur Justiz hätten viele „handwerkliche Fehler“ gemacht. „Die Aufarbeitung ist sehr schwer, weil man die Köpfe nicht ausschalten kann“, so Rix. „Nazis sind weiter aktiv und morden bis heute.“ Rix appellierte an die Zivilgesellschaft, solidarisch zu sein und gegen rechts einzutreten. Der Eckernförder DGB-Vorsitzende Horst Kunze schlug in die gleiche Kerbe. Gerade in Schleswig-Holstein gebe es eine weit verzweigte nationalsozialistische und faschistische Vergangenheit, auch heute noch seien die Ermittler „auf dem rechten Auge ein bisschen sehbehindert“. Die zehn von NSU-Mitgliedern ermordeten Menschen seien nur die Spitze des Eisbergs, durch rechtsradikale Übergriffe seien in Deutschland nach dem Krieg über 200 Menschen getötet worden. Verdi-Bezirkschefin Ute Dirks setzte ein deutliches Zeichen gegen Rassismus, Vorverurteilung und Fremdenfeindlichkeit. Jeder, der dem entgegentritt, sollte es auf seine Weise in seinem Umfeld tun. Dirks dankte ehrenamtlich engagierten Vorreitern wie Albert Leuschner.

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