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Interview : „Die Musik klingt immer in meinem Ohr“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Seit 26 Jahre hat kein deutscher Song mehr die US-Charts angeführt – Der 21 Jahre alte Felix Jaehn aus Mecklenburg hat es jetzt geschafft

shz.de von
erstellt am 04.Nov.2015 | 07:10 Uhr

Seit seinem Riesenerfolg mit dem Remix „Cheerleader“, der es seit 1989 als erster Song mit deutscher Beteiligung auf Platz 1 der US-Charts geschafft hat, zählt Felix Jaehn (21) zu den erfolgreichsten DJs Deutschlands. Der gebürtige Hamburger wuchs in einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern auf und zog nach dem Schulabschluss nach London. Neben seinem Job als DJ feiert er auch als Musikproduzent viele Erfolge, die auch dem deutschen Außenminister nicht entgangen sind und gleich per Facebook-Post beglückwünscht wurden. Wir trafen den sympathischen DJ und Musikproduzenten in Kiel zu einem Interview, bei dem er uns von seinem Leben nach dem Erfolg, seiner Arbeit als DJ und seinen Plänen von einer eigenen Live-Show erzählte.

 

Wie suchst du die Songs für deine Arbeit aus? Gibt es da einen bestimmten Moment, wenn du sie hörst, bei dem es „klick“ macht oder muss der Song bestimmte Kriterien erfüllen?
Du sprichst wahrscheinlich eher vom Remixen, da geht es relativ schnell. Meist höre ich mir den Song ein- zweimal an und weiß dann auch bald, ob das etwas für mich ist oder nicht. In erster Linie geht es dann darum, ob ich den Song an sich gut finde und ihn mir auch persönlich anhören würde. Die zweite Frage, die ich mir dann stelle, ist, ob ich Potenzial sehe, in meinem eigenen Style etwas daraus zu entwickeln. Denn wenn man remixt, dann interpretiert man ja einen schon bestehenden Song von einem anderen Künstler und das muss natürlich auch funktionieren.


Und wie gehst du bei deinen eigenen Songs vor? Ist es schwerer Songs zu produzieren als zu remixen?
Ja erstmal kurz vorweg zu dem Remixen. Ich finde nämlich gar nicht, dass das so viel einfacher ist, als original Songs zu schreiben. Denn man hat ja schon einen Song als Grundlage, die „Lyriks“ und die „Vocalmelodie“ sind schon geschrieben. Und wenn man sich jetzt z.B. den „Cheerleader-Mix“ ansieht, dann ist bis auf die „Acapellaliks“ nicht viel übrig geblieben. Das Tempo, der „Vibe“, die ganzen Melodien und Instrumente sind anders. Also auch das Remixen ist durchaus komplex, wenn man sich die Produktion anschaut. Das Originalsongschreiben ist natürlich ein ganz anderer Prozess als das Produzieren. Da geht es erst einmal darum, einen Ansatz zu finden, eine Grundakkordfolge zu entwickeln und tatsächlich Texte zu schreiben und das mache ich auch mit viel „co-writting“. Ich war in den letzten Wochen in Europa unterwegs für mein Album und habe mich dann tatsächlich mit Sängern und Sängerinnen ins Studio gesetzt, um gemeinsam die Ideen zu entwickeln und das Instrumentale anschließend drumherum zu bauen, ähnlich wie beim Remixen. Das dauert dann meistens so einen Tag und dann weiß ich, ob das etwas werden könnte und nehme das Projekt mit auf Tour, um es an meinem Laptop fertigzustellen.


Nach deinem großen Erfolg stapeln sich wahrscheinlich die Anfragen. Entscheidest du selbst, mit wem du zusammenarbeiten möchtest oder gibt es dafür jemanden, der das für dich macht?
Ich entscheide es im Endeffekt noch selbst, habe aber auch ein Team, das mir dabei hilft. Da solche Anfragen erst an das Management gehen, werden sie dort erst einmal grob sortiert. Aber ernstzunehmende Anfragen bekomme ich auf jeden Fall weiter geleitet und entscheide dann. Wobei aktuell auch eher die Marschrichtung ist, gar keine Remixe mehr zu machen und den Fokus auf meine eigenen Songs zu legen. Ich arbeite an meinem ersten Album und möchte nicht unbedingt den „Remixerstempel“ auf der Stirn haben, weil das eigentlich ein Zufall war, dass ich mit Remixen bekannt geworden bin. Ich habe nämlich schon vorher eigene Songs herausgebracht.


Gibt es Künstler, mit denen du unbedingt einmal zusammenarbeiten möchtest?
Ja na klar, da gibt es eine ganze Menge. Offensichtlich sind immer Sia und Ed Sheeran, die ich beide schon einmal geremixt habe. Ich finde Ihre Musik super gut und mit ihnen selbst ins Studio zugehen und dort etwas aufzunehmen, wäre natürlich der Hammer. Und dann gibt es noch viele Newcomer, eine Indie Band, die ich gerade höre. Olli von „Years&Years“,finde ich, ist ein klasse Sänger, mit dem ich auf jeden Fall etwas machen möchte. Ansonsten sind da noch Avicii, Calven Harris, Elli Goulding und viele andere Künstler, mit denen ich gerne einmal zusammenarbeiten möchte.


Du hast früher ja einmal Geige gespielt. Inwieweit denkst du hilft dir deine klassisch-musikalische Ausbildung als DJ und Musikproduzent?
Ich glaube, dass ich die Musiktheorie, also die Basics auf jeden Fall beherrsche und das ist etwas, was viele DJs leider nicht können. Es hilft mir natürlich beim Songwriting und Produzieren. Und dann habe ich auch noch, zwar nicht ganz so lange und auch nicht als Erste Geige, im Jugendorchester mitgespielt. Und wenn man mit anderen zusammen musiziert, entwickelt man einfach quasi im Gehirn ein Gespür für Musik, was man wahrscheinlich sonst nicht hätte, wenn man noch nie ein eigenes Instrument gespielt hat. Ich denke, dass das auch unterbewusst viel hilft.


Wirst du denn schon auf der Straße erkannt? Gibt es irgendwelche verrückten Fangeschichten, die du erlebt hast?
Also ehrlich gesagt, werde ich noch selten erkannt, was auch ganz angenehm für mich ist. Einerseits ist es natürlich super positiv, wenn dich die Leute erkennen, denn das heißt, dass sie sich mit mir und meiner Musik auseinandersetzen. Anderseits ist es jedoch entspannt, noch normal einkaufen gehen zu können wie jeder andere auch. Hin und wieder kommen dann auch welche zu mir und wollen Selfies machen, aber das ist ja ganz normal.


Als DJ hast du ja auch Live-Auftritte. Wie kann man sich das vorstellen?
Der Unterschied ist, das wir nicht jedes Lied live spielen, sondern die Performance liegt letztendlich darin, die Lieder zusammenzumixen und so den Abend zu gestalten. Es ist wichtiger, sich das Publikum anzuschauen und dann spontan zu reagieren, welchen Track ich wann spiele, wie ich diese zusammenmixe, wann es mal wieder Zeit ist für einen Hit, wann wieder etwas „Undergroundiges“ kommen sollte. Und das halt live zu gestalten, diese Spannungskurve ist eigentlich einer der größten Anteile. Darüber hinaus muss man als DJ auch schon mal das Mikrofon in die Hand nehmen und die Leute animieren, eine Performance drumherum bauen. Und langfristig bin ich tatsächlich am Überlegen, eine Live-Show zu entwickeln, das wird dann aber erst mit meinem Album möglich sein. Da ist es auch möglich, dass ich selbst irgendein Instrument live spiele, mir Sänger mit auf die Bühne hole und eine eigene Bühnenshow entwickle, damit man auch Konzerte in Hallen spielen kann und nicht nur bei Events oder in Clubs auflegt.


Kann man sagen, dass du dich in der Musik gefunden hast? Also das es das ist, was du immer machen möchtest?
Ja, auf jeden Fall. Das war schon relativ früh klar, schon zu Schulzeiten, dass das mein Traum und meine Leidenschaft sind. Man kann halt nur nicht planen, dass es tatsächlich klappt, es schafft halt nicht jeder. Aber dass es jetzt zum Glück geklappt hat, freut mich natürlich total. Es ist selbstverständlich immer das Beste, wenn man Hobby und Interessengebiet zum Beruf machen kann. Ich denke, dass ich auch die nächsten fünf Jahre als DJ und Produzent erstmal Gas geben werde und dann wird man sehen, wie es weiter geht.


Hast du denn einen Plan B?
Ja, den habe ich immer. Ich habe ja auch Abitur gemacht, bevor ich mich komplett in die Musik gestürzt habe und habe auch mal ein BWL-Studium angefangen, war dann für ein duales Studium eingeschrieben. Ich hatte irgendwie immer einen Plan B in der Hinterhand. Mein Abi liegt nun mittlerweile drei Jahre zurück. Es ging zwar schon sehr steil bergauf, aber künstlerisch sehe ich es jetzt erfolgsunabhängig, ob die Lieder auf Platz 1 der Charts sind oder nicht, ich mache einfach weiter was ich mache und das macht mir total viel Spaß. Ich mache mich da wirklich nicht so verrückt, habe einfach meine Musik rausgehauen und glücklicherweise finden es die Leute gut.


Und wie schaffst du es am Boden zu bleiben? Kannst du dem Stress auch mal entfliehen oder hast du deine Arbeit immer im Kopf?
Nun, ich habe schon sehr viel im Kopf, weil mein größtes Hobby mein Beruf geworden ist. Aber ich versuche es einfach, wenn möglich, nach Hause zu fahren, Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen, normale Sachen zu machen, zu grillen, an den Strand zu gehen, Fußball zu spielen und ein bisschen abzuschalten. Aber doch hört ein Ohr, sobald Musik spielt, immer auf das Potential, welches ich in dem Song für mich sehe.
 

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