Theater in der Kirche : Die Judas-Frage als Monodrama

Hartmut Lange in der Rolle des Judas – hier bei einer Szene auf der Kanzel von St. Nicolai.
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Hartmut Lange in der Rolle des Judas – hier bei einer Szene auf der Kanzel von St. Nicolai.

Schauspieler Hartmut Lange schlüpft in die Judas-Rolle / Intensive Begegnung in der St. Nicolai-Kirche

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20. März 2018, 06:30 Uhr

„Alle drinnen.“ Laut ertönen die Worte zu Beginn der Vorstellung durch die St.-Nicolai-Kirche. Knapp 50 Besucher haben sich dem stürmischen Wetter zum Trotz eingefunden, um das Monodrama (dramatisches Einpersonenstück) „Judas“ der niederländischen Autorin Lot Vekemans zu erleben. Präsentiert wird es von dem Lübecker Schauspieler Hartmut Lange.

Judas entfährt ein Stoßseufzer. Er betrachtet das Publikum vor sich, dann den Altar hinter sich. Er stöhnt erneut. „Ist hier jemand, der mich nicht kennt? Nein? Ja?“ Mit diesen schnell gesprochenen Worten spricht Hartmut Lange das Publikum direkt an. Die Geschichte ist bekannt. Er, Judas, erscheint in unserer Gegenwart, um seine Geschichte als Augenzeuge zu erzählen, die unbekannte Geschichte. Von ihm und einem „Mann“. Den offensichtlichen Namen des Mannes nennt er nicht, es ist Jesus. Mit eindringlichen Worten schildert er seinen Werdegang bis zum historischen Judaskuss und schließlich: „Es ist sinnlos, mich begreifen zu wollen. Das ist seit 2000 Jahren nicht gelungen.“ Und wiederum an die Zuschauer gewandt: „Erwartungen? Versuchen Sie, einen netten Abend zu haben.“

Judas spricht über seine Wut, seine Enttäuschung und seine Sehnsüchte und leugnet dabei nicht die Verantwortlichkeit seines Handelns. Drei Jahre habe er mit „ihm“ als einer der zwölf Apostel gelebt. Eine Stunde vor „ihm“ sei er gestorben. Keinen Messias habe er, Judas, sich gewünscht, keinen Erlöser, mehr einen König der Juden. Er stellt sich ganz dicht vor Jesus am Altar und betrachtet ihn. „Manchmal wird einem schlagartig klar, warum man lebt. Für ihn.“ Und fast schon provokant ruft er ins Publikum: „Er ist nicht für Eure Sünden gestorben. Wenn, dann bin ich das! Ich habe alle Schuld auf mich genommen.“

Plötzlich kommt ihm die Erinnerung an den Moment seines Verrats und er hält inne, beinahe schon reuig äußert er: „Sein Schweigen, als meine Lippen seine Wange berühren.“ Judas beschreibt das „bohrende Gefühl“, das er nie wieder losgeworden ist, und dass es keine Erlösung von dem Schmerz gibt.

Die Frage nach dem „Warum“ drängt sich dem Zuschauer auf, der weiter in die Seele des ambivalenten Judas blicken will, die sich ihm hier offenbart. Judas bleibt die Antwort nicht schuldig: „Ich wollte ihn wachrütteln. Ich wollte nicht länger zum Volk der Unterdrückten gehören, sondern zu den gerechten Herrschern.“

Er scheint sich dabei selbst zu fragen, ob sein Verrat dafür der richtige Weg gewesen sein mag. Offenbar nicht, denn er berichtet weiter, dass er die 30 Silberlinge wegwarf, die er für seinen Verrat erhalten hatte: „Ich war ein falscher Ankläger, durch dessen Hand ein Mensch getötet wurde.“ Seine Bestrafung nimmt er umgehend selbst in die Hand und erklärt: „Ich habe mich selbst gehängt, weil niemand anders es tun wollte.“

An dieser Stelle, zum Ende des Stückes, kommt seine Liebe zu Jesus verbunden mit dem Bewusstsein, dass er zutiefst falsch gehandelt hat, in seinen folgenden Sätzen zum Ausdruck: „Es gibt nur eines, das ich wissen will: Hat er mir vergeben? Oder war seine Barmherzigkeit bei mir erschöpft?“

Der Name „Judas“ ging als Verräter in die Geschichte ein und Hartmut Lange lässt Judas die letzte Frage in den Raum stellen: „Was wäre gewesen, wenn ich die Geschichte zurückdrehen könnte? Dunkelheit und Licht – manchmal gibt es nichts dazwischen. Ich bin Judas! Ich danke Ihnen.“ Mit diesen Worten endet nach einer guten Stunde die insgesamt 48. Vorstellung des Monodramas „Judas“. Hartmut Lange spielt das Stück, das er nur in der Passionszeit aufführt, bereits im vierten Jahr.

Tourismuspastorin Brigitte Gottuk, die das Stück nach Eckernförde geholt hatte, dankte dem Lübecker Schauspieler, der sich anschließend mit dem Publikum austauschte. Hartmut Lange, der nebenbei die gute Akustik in der St-Nicolai-Kirche lobt, hat in der diesjährigen Passionszeit noch zwölf weitere Vorstellungen in Schleswig-Holstein und Hamburg vor sich.


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